ANALYSE: Wie Israel und Iran wieder einmal beinahe in einen Krieg geraten sind

Über mir sah ich die israelischen Kampfjets, die zu einem weiteren Luftschlag gegen iranische Ziele in Syrien unterwegs waren.

 ANALYSE: Wie Israel und Iran wieder einmal beinahe in einen Krieg geraten sind
Ofer Zidon/Flash90

Es war Samstagabend, 23 Uhr, als ich auf meiner Dachterrasse im Norden Israels saß. Über mir flogen etliche israelische Kampfjets Richtung libanesische Grenze. Bevor sie in den libanesischen Luftraum eindrangen, schalteten sie noch ihre Lichter aus. Ein paar Minuten später gab es bereits die ersten Berichte über laute Explosionen in der Umgebung der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Berichten zufolge hatte die israelische Luftwaffe (IAF) eine Basis der Quds-Kräfte in der syrischen Ortschaft Aqraba angegriffen, die zu den iranischen Revolutionsgarden gehören. Bei dem Angriff seien ein Iraner und zwei Hisbollah-Terroristen getötet worden, hieß es. Der sorgfältig geplante Angriff habe einen größeren Terroristenanschlag auf Zivilisten im Norden Israels verhindert.

Der Sprecher der israelischen Armee, Brigadegeneral Ronen Manelis, meldete, dass etliche iranische, mit Sprengstoff ausgestattete unbemannte Drohnen (UAV) während des Luftschlags zerstört worden seien. Die Quds-Kräfte hatten geplant, mit diesen Drohnen bewohnte Gebiete in Nordisrael anzugreifen, und so viele Menschen wie möglich dabei zu töten.

Diese iranische Operation wurde laut Bericht von Qassem Soleimani angeführt, einem gerissenen Kommandeur der Quds-Kräfte. Er ist es auch, der für den Export der islamischen Revolution in Länder wie Syrien oder Irak verantwortlich ist. Die Anschläge auf israelische Dörfer und Städte im Norden hatte Soleimani bereits seit Monaten ausführlich geplant. Manelis erklärte, dass die selbe Art der iranischen Drohnen bereits von den Ansar Allah (Houthi) Milizen in Jemen genutzt worden seien, um gegen Saudi Arabien Anschläge zu verüben.

Das israelische Militär wurde im Norden Israels in Alarmbereitschaft versetzt, man fürchtete iranische Vergeltungsschläge. Später in der Nacht zum Sonntag kamen neue Meldungen, die von  Angriffen der israelischen Luftwaffe gegen die Hisbollah in Beirut (Libanon) berichteten. Die libanesische Armee (LAF) meldete, zwei israelische Drohnen seien in der Nähe des Medienzentrums der Hisbollah explodiert, und zwar im Dahiyeh Viertel, wo die Terrororganisation ihren Hauptsitz hat. Eine der beiden israelischen Drohnen sei mit Sprengstoff bestückt gewesen, so die LAF und die Hisbollah. Das Medienzentrum sei stark beschädigt worden.

Im Gegensatz zu dem Angriff auf Aqraba, der von Manelis und sogar Netanjahu öffentlich kommentiert wurde, übernahm die israelische Armee keinerlei Verantwortung für die überraschende Attacke auf die Hisbollah in Beirut. Vielleicht war das Schweigen diesbezüglich aber auch nur eine Art Deeskalations-Taktik.

Israels Premier Netanjahu kommentierte: „Es ist uns gelungen, einen Angriff gegen Israel durch die iranischen Quds-Kräfte und schiitischen Milizen zu vereiteln. Lassen Sie es mich noch einmal betonen: Der Iran hat nirgendwo Immunität. Unsere Kräfte arbeiten auf jedem Gebiet gegen die iranische Aggression. Wenn jemand aufsteht, um dich zu töten, dann töte ihn zuerst!“ Damit bezog sich Netanjahu auf den bekannten talmudischen Spruch, der einem das Recht gibt, den Angreifer auszuschalten, bevor dieser seinen mörderischen Plan in die Tat umsetzen kann.

Minister Tzachi HaNegbi ließ später verlauten, der Iran habe versucht, eine dritte Front gegen Israel von den syrischen Golanhöhen her zu errichten.

Seit 2013 hat die israelische Armee hunderte von Luftangriffen gegen iranische und Hisbollah-Ziele in Syrien ausgeführt. Das hat den Iran allerdings nicht davon abgehalten, Syrien nach und nach in einen Handlangerstaat für die schiitischen Milizen zu verwandeln, die zusammen mit der Hisbollah und den Quds-Brigaden eine neue Front gegen Israel aufbauen wollen.

Zwei israelische Forscher mit umfangreicher Militärerfahrung haben kürzlich einen äußerst alarmierenden Bericht zu den iranischen Aktivitäten in Syrien veröffentlicht. Oberst Jaques Neriah und Brigadegeneral Shimon Shapira (beide im Ruhestand) schrieben, dass Soleimani 2013 den Vorsitz über ein geheimes Treffen im Iran hatte, bei dem sowohl Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah als auch das iranische Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei anwesend waren. Während dieses Treffens wurde ein Plan ausgearbeitet, der die Bildung einer 150.000 Mann starken schiitischen Einheit vorsieht, die an der Grenze zu Israel auf den Golanhöhen eingesetzt werden soll.

Dieser Plan ist mittlerweile umgesetzt worden. Die Hisbollah hat die Gebiete an der israelischen Grenze auf den Golanhöhen völlig unter Kontrolle. Die Aufstellung der Hisbollah-Kräfte geht gegen ein 2018 zwischen Russland und Israel geschlossenes Abkommen, das eine 80 Kilometer breite Pufferzone entlang der israelischen Grenze vorsieht, in der mit dem Iran verbündete Streitkräfte nicht erlaubt seien. In der Realität haben die Quds-Kräfte und die Hisbollah nun Basen in den verschiedensten Regionen Syriens. Einige davon befinden sich in der Suweida Provinz im Süden Syriens, ein Gebiet, das in Israel auch als Har HaDrusi (drusischer Berg) bezeichnet wird.

Allein 2018 ist es der Hisbollah gelungen, 3500 Araber im Süden Syriens zu rekrutieren, um eine neue Kampfgruppe gegen Israel zu bilden. Neriah und Shapira zufolge kommandiert die Hisbollah heute fünf schiitische Milizen in Südsyrien, alles in Vorbereitung auf einen Krieg gegen Israel. Seit Ende 2018 haben die Quds-Brigaden und die Hisbollah Radar- und Abhöranlagen nahe der israelischen Grenze installiert, um Informationen über die israelische Luftwaffe auf den Golanhöhen zu sammeln.

Um seine Front gegen Israel auf den Golanhöhen zu errichten, schreckt der Iran auch nicht vor ethnischen Säuberungen zurück. Im Süden Syriens, wo 2011 der bewaffnete sunnitische Aufstand gegen Assad begann, müssen nun sunnitische Araber, die in ihre dortigen Häuser zurückwollen, die sie während des nun schon acht Jahre andauernden Krieges verlassen mussten, erst zum schiitischen Islam konvertieren, die vom iranischen Regime vertretenen islamischen Richtung. Des Weiteren bedient sich der Iran der vielen Nichtregierungsorganisationen, die der verarmten syrischen Bevölkerung humanitäre und finanzielle Hilfe zukommen lassen, wobei der Einfluss über das vormals eigentlich sunnitische Land zunimmt. Hisbollah-Agenten wiederum kaufen mithilfe von Strohmännern Land nahe der israelischen Grenze.

Neriah und Shapiro sagen, dass nicht Assad, sondern der Iran im Staat Syrien herrscht. Israels Bemühungen gegen diese Tatsache habe nur teilweise Erfolg gehabt. Assad sei lediglich eine Schachfigur in der Hand Teherans, sagen die israelischen Experten.

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