ANALYSE: Was erwartet Israel in einem zukünftigen Krieg mit dem Iran?

Einige Stimmen plädieren dafür, den Iran jetzt und nicht erst in fünf Jahren herauszufordern, wenn er gefährlicher bewaffnet sein wird

ANALYSE: Was erwartet Israel in einem zukünftigen Krieg mit dem Iran?
EPA-EFE/OFFICE OF SUPREME LEADER

Am Sonntag tagte das israelische Sicherheitskabinett zum dritten Mal innerhalb diesen Monats, um über die immer komplizierter werdende Sicherheitslage Israels zu diskutieren.

Das Treffen fand mehr als einen Tag nachdem der Islamische Dschihad (PIJ), ein Vertreter des Irans im Gazastreifen, die südisraelische Stadt Sderot mit einer Flut von zehn Raketen bombardierte, die alle bis auf eine durch den Raketenschutzschild Iron Dome neutralisiert wurden.

Der Islamische Dschihad ist eine vom Iran ausgebildete und finanzierte terroristische Organisation, die mit der Hamas in den Bestrebungen konkurriert, Israel in ihrem Abnutzungskrieg gegen den jüdischen Staat unter ständige Druck zu setzen. Dieser Abnutzungskrieg begann eigentlich im März 2018, als die Hamas und die anderen terroristischen Gruppen im Gazastreifen beschlossen, den ‚Großen Marsch der Rückkehr‘, die wöchentliche Orgie der Gewalt an der Grenze zu Israel, zu beginnen

Die Raketenflut am Freitagabend kam aus heiterem Himmel und schien ein Test zu sein, der von Qassem Suleimani, dem Kommandanten der Quds Force der Iranischen Revolutionsgarde, die an einem anhaltenden Abnutzungskrieg gegen Israel interessiert ist, angeordnet wurde.

Bereits früher testete der PIJ die Fähigkeiten des Iron-Dome-Systems, als er mehrere Raketen auf ein Ziel in Israel abfeuerte, um zu sehen, ob Iron Dome damit umgehen konnte.

Der Raketenangriff zeigte erneut, dass der Raketenschutzschild nicht wasserdicht ist, da ein Haus in Sderot einen direkten Treffer erlitt, während sich seine Insassen sicher im Sicherheitsraum des Gebäudes versteckten.

Vor der Sitzung des Sicherheitskabinetts warnte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dass Israel „sich in einer sehr sensiblen und unbeständigen Zeit der Sicherheit an mehreren Fronten — Nord, Ost und Süd — befindet“.

„Wir werden uns weiterhin an allen Fronten für die Sicherheit des Staates Israel einsetzen, sowohl offen als auch verdeckt, zu Lande, zu Wasser und in der Luft“, fügte der Ministerpräsident hinzu.

Nach dem Treffen berichteten die Medien, dass die Minister sich einig seien, dass sich das israelische Militär auf die Bedrohung aus dem Norden konzentrieren sollte, aber die Angriffe aus dem Gazastreifen nicht ignorieren würde.

Das Sicherheitskabinett kommt zu dem Schluss, dass der gefährlichsten Feind, mit dem Israel konfrontiert ist, der Iran ist. Israel sollte sich auf einen Konflikt mit der Islamischen Republik und ihren verschiedenen Vertretern im Irak, Syrien, Libanon, Jemen und Gazastreifen vorbereiten.

Der ehemalige israelische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Michael Oren, schilderte erst in abschreckenden Details, wie ein solcher Mehrfrontenkrieg die Entschlossenheit Israels und die Fähigkeiten der IDF und der israelischen Luftwaffe (IAF) testen würde.

In einem Artikel für The Atlantic enthüllte der ehemalige israelische Gesandte in den USA, dass die Minister des israelischen Sicherheitskabinetts Anfang September auch einen misslungenen iranischen Drohnenangriff auf Israel und einen erfolgreichen iranischen Angriff mit Drohnen und Marschflugkörpern gegen die saudi-arabische Ölindustrie untersuchten.

Das israelische Militär im Norden wurde durch die zunehmende iranische Bedrohung „in einen Kriegszustand versetzt“, schrieb Oren, was insbesondere am Himmel über Nordisrael zu sehen ist, wo IAF-Kampfflugzeuge seit mehr als einem Monat ständig Übungen durchführen.

Das israelische Militär hat kürzlich auch einen Notfallplan mit dem Namen „Momentum“ verabschiedet, um Israels Raketenabwehrkapazitäten zu stärken und die Informationsbeschaffung über den Iran und seine Stellvertreter weiter zu verbessern, während die Entscheidung getroffen wurde, die Ausbildung von IDF-Soldaten für städtische Kriegsführung zu verstärken.

„Israel gürtet sich für das Schlimmste und geht davon aus, dass jederzeit ein Kampf ausbrechen könnte“, so Michael Oren.

Der ehemalige israelische Diplomat beschrieb dann ein sehr eindrückliches Bild davon, was Israel erwarten könnte, wenn der lange befürchtete Krieg mit dem Iran tatsächlich eintritt.

Das israelische Militär müsste während eines solchen Konflikts täglich 4.000 ankommende Geschosse und Raketen bekämpfen, und ganz Israel würde unter Beschuss geraten.

Viele dieser Raketen würden auf lebenswichtige militärische und zivile Infrastrukturen wie die Kiryah, das Hauptquartier der IDF im Zentrum Tel Avivs, den Internationalen Flughafen Ben Gurion, die Häfen Israels, die elektrischen Netzwerke und möglicherweise den Dimona-Kernreaktor abzielen, wie Hassan Nasrallah, der Führer der Hisbollah, angedeutet hat.

Hunderttausende israelischer Bürger könnten aus dem Norden in andere Teile Israels evakuiert werden, und die Tourismusindustrie und viele Unternehmen würden während des Krieges praktisch stillgelegt werden, erwartet Oren.

Langstreckenraketen mit großen Sprengladungen würden aus dem Iran, dem Irak, dem Libanon und Syrien auf Israel abgeschossen, während Hamas und PIJ ihr Raketenarsenal auf Südisrael ausweiten würden.

Die fragen sich sicher, ob die beeindruckende Raketenabwehr Israels nicht ausreichen würde, um die ankommenden Raketen abzufangen.

Die Antwort ist nein.

Iron Dome hat eine effektive Abfangrate von 90 Prozent, da der PIJ-Raketenangriff an diesem Wochenende erneut bewiesen hat, dass von 100 eingehenden Raketen 10 ihr Ziel erreichen würden, sagt Oren.

Der Abfangjäger „David’s Sling“ wurde nur einmal in Echtzeit im Konflikt getestet und kostet mehr als 1 Million Dollar pro Abfangung, was bedeutet, dass Israels Wirtschaft auch durch den Raketenkrieg geschädigt werden könnte.

Das ganze Szenario ist laut Oren nicht weit hergeholt. Er behauptet, dass die Mitglieder des Sicherheitskabinetts genau dieses Szenario wiederholt in Betracht gezogen haben.

Die Minister konfrontieren den Iran angeblich lieber jetzt „als in fünf Jahren, nachdem der Iran seine Nahost-Eroberungen um Israel herum abgeschlossen hat und Atombomben erworben hat“, so Oren.

Ein weiterer Faktor, der die Entscheidungsfindung im Sicherheitskabinett beeinflussen kann, ist die Tatsache, dass Israel derzeit mit der am meisten proisraelischen US-Regierung aller Zeiten zusammenarbeitet, und die USA Israel bei der Luftverteidigung helfen sollen.

Die Amerikaner haben das hochmoderne Radarsystem im X-Band bereits in Israel stationiert und kürzlich das Raketenabwehrsystem THAAD vorübergehend in Israel eingerichtet.

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