ANALYSE: Tod des Jihad-Anführers bringt Hamas in Bedrängnis

Gazas Top-Terroristen fürchten einen offenen Krieg mit Israel, wollen aber auch nicht als Schwächlinge gelten

ANALYSE: Tod des Jihad-Anführers bringt Hamas in Bedrängnis
Abed Rahim Khatib/Flash90

Mehr als 200 Raketen sind seit Dienstag auf israelische Städte niedergeprasselt. Die Raketenangriffe begannen, nachdem die israelische Luftwaffe Montagnacht mit einer von Rafael hergestellten Minice-Spice-1000 Rakete den gefährlichsten Terroristen in Gaza ausschaltete.

Baha Abu Al-Ata, der Kommandeur des Palästinensischen Islamischen Jihad (PIJ) in Gaza, arbeitete schon seit langem an der Vernichtung Israels und steht daher seit mehr als zehn Jahren auf Israels Abschussliste. Drei israelische Attentatsversuche hat er überlebt. Die aktuelle Entscheidung für die Tötung Al-Atas fiel bereits vor über einer Woche. Das israelische Militär wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, bei der der Erzterrorist nicht von menschlichen Schutzschilden umgeben war.

Zur Entscheidung kam es, nachdem der israelische  Geheimdienst Informationen über eine große Terroraktion des PIJ gegen Israel gesammelt hatte, so der ehemalige Vorsitzende des israelischen Sicherheitsrates, Giora Eiland, zu Israel Heute. Eiland bestätigte uns gegenüber die Behauptung Premierministers Benjamin Netanjahu, dass Al-Ata eine „tickende Zeitbombe“ sei, die eine größere terroristische Aktion gegen Israel geplant habe. Ebenso konnte er bestätigen, dass Al-Ata seine Anweisungen direkt vom Iran erhalten hat, sehr wahrscheinlich von Qassem Soleimani, dem Kommandeur der Quds-Kräfte der Iranischen Revolutionsgarde. Al-Ata habe eine „Armee“ aufgebaut, die im Besitz von mehr als 20.000 Raketen sei.

Eiland berichtete uns, dass die PIJ die in Gaza regierende Hamas herausgefordert und keinerlei Befehle von der sunnitisch-islamistischen Regierung in Gaza angenommen habe. Von israelischer Seite her, so Eiland, sei die Militäroperation gegen PIJ vorbei, doch sei noch mit einer weiteren Eskalation zu rechnen, die einen Krieg zwischen dem israelischen Militär und den palästinensischen Terrorgruppen in Gaza auslösen könnten.

Die Hamas steckt nun in einem Dilemma. Die Organisation kann sich momentan einen neuen Waffenstillstand mit Israel nicht leisten, da sie in den Augen des palästinensischen Volkes in Gaza sonst als schwach angesehen werden könnte. Obendrauf hat sie derzeit mit grundlegenden Problemen zu kämpfen, was die Versorgung des Gazastreifens und den Umgang mit Regierungsangelegenheiten angeht, nachdem sich ein junger Palästinenser vor einer Woche aus Protest gegen die desolaten Lebensumstände öffentlich das Leben genommen hatte. Die Selbstopferung des 28-jährigen palästinensischen Waisen löste unter den palästinensischen Einwohnern Gazas Empörung und Entsetzen aus. Die Einwohner haben genug, sie können die Art und Weise, wie die Hamas und die Palästinensische Autonomiebehörde mit der langen Liste der Probleme im Gazastreifen umgehen, nicht länger hinnehmen.

Gleichzeitig weiß die Hamas aber auch, dass sie sich dem Raketenkrieg des PIJ nicht anschließen kann, da eine massive Konfrontation mit dem israelischen Militär zu erwarten ist. Dieses Mal könnte solch eine Konfrontation das Ende der Hamas-Herrschaft in Gaza bedeuten.

PIJ hat nun angekündigt, dass die Antwort auf das Attentat auf Al-Ata noch bevorsteht. Man könnte diese Drohung so deuten, dass noch viel heftigere Angriffe geplant sind, und diesmal sensible Ziele wie der Ben Gurion Flughafen, Elektrizitätswerke, Militärinfrastruktur oder das Kiriyah Center in Tel Aviv, also das Pendant zum amerikanischen Pentagon, ins Visier genommen werden.

Sollte dies geschehen, würde die Armee eine neue Bodenoffensive in die Wege leiten, die Monate andauern könnte, weil dieses Mal das Ziel der totalen Zerstörung der Terrorinfrastruktur in Gaza verfolgt werden würde.

Derweil üben immer mehr Israelis, die nahe am Gazastreifen leben und seit 2006 den unzähligen Terrorangriffen ausgesetzt sind, Kritik an Premier Netanjahu. Man hat die Nase von der Sicherheitssituation gestrichen voll. „Genug!“ sagte eine Frau in Netivot während eines Interviews mit dem TV-Sender 12, deren Haus gerade von einer Rakete zerstört worden war. Erst vor ein paar Monaten hatte sie ihre an Krebs erkrankte Tochter verloren. Das Leben im Süden Israels sei unerträglich geworden, sagte die Frau.

Die IAF (israelische Luftwaffe) hat bislang noch keine Hamas-Ziele in Gaza angegriffen. Das wertet man als Zeichen, dass Israel nicht an einem neuen Krieg mit Gaza interessiert zu sein scheint – diese Botschaft wurde auch an die Ägypter überbracht, die momentan zwischen Israel und der Hamas vermitteln.

Den Islamischen Dschihad interessieren die Erwägungen der Hamas und der israelischen Regierung kein Stück. Er macht weiter wie bisher, um den Zermürbungskrieg gegen den jüdischen Staat konstant am Laufen zu halten. Die vom Iran finanzierte Terrorgruppe handelt unabhängig und braucht sich um die Einwohner nicht zu sorgen, sagte uns Eiland.

Die PIJ unterhält Büros in Beirut und Damaskus. Dort hat Israels Luftwaffe versucht, PIJ-Kommandeur Akram al-Ajouri zu töten, der als Kontaktmann für die Koordination mit dem Iran fungiert. Die syrischen Medien berichteten, die IAF habe zwei Raketen auf al-Ajouris Haus abgefeuert, ihn aber nicht getötet.

Seit November 2018 hat die PIJ bereits drei Mal einen Mini-Raketen-Krieg vom Zaun gebrochen und sich darüber hinaus in die ägyptischen Verhandlungen um einen permanenten Waffenstillstand eingeklinkt, und zwar aus einem einzigen Grund: um diese Versuche scheitern zu lassen. Im letzten Monat übernahm die Terrorgruppe dann eine neue Strategie, genannt ‘mushaghalet al adu’ auf Arabisch (den Feind beschäftigen). Die Entscheidung wurde getroffen, nachdem eine PIJ-Delegation, angeführt von Al-Ata, in Kairo auftauchte, um an den Gesprächen über eine Einheit und einen langfristigen Waffenstillstand zwischen ägyptischen Beamten und Hamas-Leitern teilzunehmen. PIJ und Hamas führen nun Berichten zufolge Gespräche miteinander. Darin geht es um folgendes Szenario: Der PIJ soll es erlaubt sein, Israel einen schweren Preis abzuverlangen, allerdings ohne, dass es zu einem totalen Krieg mit dem jüdischen Staat kommt.

 

 

 

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