Zum Jom Kippur

Während des Jom Kippur Fastentages bitten wir um Slicha und Mechila, um Vergebung und Sündenerlass.

Gebete an der Klagemauer zu Jom Kippur 2018
Ben Toren/FLASH90

Von uns wird erwartet, dass wir unsere Herzen und Werke überprüfen, und zwar auf bewusste oder unbewusste Sünde, die wir im letzten Jahr begangen haben. Auch sollen wir denen Vergebung aussprechen, die sich uns gegenüber schuldig gemacht haben.

All dies lässt uns die Lage aus der Perspektive eines Menschen betrachten, der befürchtet, dass sein Leben sich dem Ende zuneigt, und der daher Wiedergutmachung leisten und sein Gewissen erleichtern will, bevor er stirbt. Dies sind unverzichtbare Momente in unseren Leben, wenn wir etwas wiedergutmachen, wenn wir Dinge zurückbringen, die wir geborgt oder gestohlen haben, wenn wir uns für etwas entschuldigen, das wir getan oder gesagt haben und das nicht in Ordnung war. Dass wir jeden, den wir kennen, um Slicha und Mechila bitten, ist ein wunderbares Konzept, eine Tradition, die es so nur im Judentum gibt.

Derselbe Gedanke kommt auch im Birkat Habanim vor, dem Segen für unsere Kinder, der während des ganztägigen Jom Kippur Gottesdienstes aufgesagt wird. Wann teilen wir unsere tiefsten Hoffnungen und Wünsche für unsere Kinder? Wenn wir denken, dass wir sie nie wiedersehen könnten.

Am Abend des Jom Kippur tauchen Männer in der Mikwe unter, dem rituellen Bad, ein Gebot für die Juden an diesem heiligsten der heiligen Tage im Jahr. Ähnlich wie die christliche Taufe, ist auch dies ein Akt der Reinigung im Prozess, der uns geistlich reinigen oder „wiedergeboren“ macht. Das Eintauchen in der Mikwe geht von der Bedeutung her sogar noch tiefer, es ist eine rituelle Waschung des Leibes, wie die Waschung vor der Beerdigung.

Dann gibt es noch die weißen Gewänder, die wir 25 Stunden lang tragen, während wir am Jom Kippur fasten. Sie stellen die Leichentücher dar, die wir eines Tages tragen, wenn wir uns auf unserer letzten Reise in das ewige Königreich Gottes befinden, dem einzigen Richter aller Wahrheit.

Man bedenke: Jeder der Patriarchen hatte eine Nahtoderfahrung. Abraham verließ seine Familie und seine Heimat, und war laut Hebräer 11,12 „so gut wie tot“ (erstorben). Sein Sohn Isaak hatte seine Nahtoderfahrung, als er auf einem Altar lag, mit einem Messer an seinem Hals. Jakob kämpfte die ganze Nacht mit einem Engel, der ihn töten sollte, der ihn aber nur verwundete und ihm dann einen neuen Namen gab. Und Josef – den einige den vierten Patriarchen nennen – wurde von seinen eifersüchtigen Brüdern in der Wüste zum Sterben zurückgelassen.

Alle diese Nahtoderfahrungen spielten im Leben unserer Patriarchen eine ausschlaggebende Rolle. Durch diese Erfahrungen gewannen sie an Mut, Klarheit und an Überzeugung, für den Glauben an einzigen wahren Gott Israel zu leben und diesen Glauben an eine ungläubige Welt weiterzutragen. Ein Glaube, der die weltlichen Strukturen götzendienerischer Macht und Autorität bis heute herausfordert. Ein unerschrockener Glaube, der uns befähigt hat, jedes Hindernis im Leben zu überwinden und für Leben, Wahrheit und Heiligkeit an den Glauben zu kämpfen, dass der Herr über uns wacht, uns leitet und bewahrt, dass wir die Fähigkeit haben, aus den tiefsten Gruben der Sünde und des Leids wieder heraufzusteigen.

Jom Kippur ist eine Nahtoderfahrung für jeden von uns. Ein Moment der Entscheidung, wenn wir begreifen, was real, wahr und sinnvoll ist, wenn wir erkennen, was irreführend und unbedeutend ist.

Vielleicht können wir jetzt besser das bewegendste Gebet verstehen, das während der Zehn Tage der Ehrfurcht zwischen dem jüdischen Neujahr und dem Tag der Versöhnung rezitiert wird. Der Tradition zufolge ist Jom Kippur die Zeit, wenn der endgültige Richterspruch für jedes menschliche Leben für das kommende Jahr getroffen wird. Das Gebet, das der Kantor mit einer düsteren und tief bewegenden Melodie singt, wurde von Leonard Cohen in seinem Lied „Who by Fire“ aufgegriffen.

Lesen Sie dieses Gebet und bedenken Sie: Wenn ich jetzt in diesem Moment sterbe, was wird mein Vermächtnis sein? Wie wird man meiner gedenken? Wie werden sich mein Ehepartner, meine Kinder und Enkel, meine Gemeinde und mein Land, mein Gott an mich erinnern? Wird mein Name in Ehren gehalten oder vergessen werden? Ich hoffe und bete, dass ich noch viele Jahre leben werde, doch wenn dieser finale Moment kommt, werde ich das Allerheiligste mit Tränen voller Entsetzen betreten oder umgeben von einem weißen Licht des Ewigen Vaters?

Wir haben die Wahl.

 

Zu Rosch HaSchana wird es geschrieben und an Jom Kippur wird es versiegelt.
Wie viele werden sterben und wie viele werden geschaffen?
Wer wird leben, wer wird sterben?
Wer in seiner Zeit, wer nicht in seiner Zeit?
Wer durch Feuer, wer durch Wasser?
Wer durch das Schwert und wer durch ein Tier?
Wer durch Hunger und wer durch Durst?
Wer durch Erdbeben und wer durch Ertrinken?
Wer durch Erwürgen und wer durch Steinigen?
Wer wird ruhen und wer wird wandern?
Wer wird sicher sein und wer wird zerissen?
Wer wird ruhig sein und wer wird gequält?
Wer wird arm werden und wer wird reich?
Wer wird erniedrigt werden und wer wird erhoben werden?
Annulliere die Schwere des Urteils durch Buße, Gebet und Nächstenliebe.

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