Versiegelt im Buch Lebens

Ich kenne kein anderes Volk, das in seinem Kalender einen Tag hat, an dem die Leute sich gegenseitig wünschen, man möge im Buch des Lebens versiegelt sein.

Versiegelt im Buch Lebens
David Cohen/Flash90

 

Ebenso ist mir nicht bekannt, wie sich all die Gebete während des Versöhnungstages auf die Psyche des Volkes auswirken. Ich gehe mal davon aus, dass die Gebete einen positiven Effekt haben, auch wenn ich keine großen Unterschiede im Verhalten der Menschen vor und nach Jom Kippur erkennen kann.

 Vor Kurzem besuchte ich eine Synagoge in einem eher heruntergekommenen Viertel. Schau dir nur die ganzen Leute an, die hier Gott anbeten, dachte ich. Einige von ihnen sind regelrechte Kriminelle. Andere sind schroff und harsch, einige dagegen ohne Zweifel rechtschaffen. Keiner kann auf den ersten Blick erkennen, wer wer ist. All diese Menschen haben sich aus welchen Gründen auch immer aufgemacht, um an einer geistlichen Veranstaltung teilzunehmen, die sie, kurz gesagt, dazu aufruft, bessere Menschen zu werden. Dann kam mir der Gedanke, was wäre, wenn einige dieser gequälten Existenzen sich nicht die Mühe gemacht hätten, in die Synagoge zu kommen? Wie sähe es in ihren Leben aus, wenn sie sich nicht daran erinnern würden, dass es einen Gott gibt und dass es gut und böse gibt, Belohnung und Strafe, und eine Chance zur Buße?

 Ich habe darauf keine klare Antwort, bin mir jedoch ziemlich sicher, dass sie in der Synagoge nicht ermutigt werden, anderen Leuten Schaden zuzufügen. Man könnte sogar denken, dass im Nicht-Sichtbaren die Gebete dabei helfen, etwas abzuschwächen, was sonst viel schlimmer ausgegangen wäre.

 Dieses Konzept, dass selbst die schlimmsten Sünder willkommen und eingeladen sind, am heiligen Jom Kippur Gottesdienst teilzunehmen, ist ein Schlüsselthema dieses Tages. Der heiligste Tag im jüdischen Kalender beginnt mit dem beliebten Kol Nidrei Gebet, das weniger ein Gebet und mehr eine Formel für die Aufhebung von Gelübden ist, die sonst die Menschen binden würden, bis ihre Gelübde erfüllt sind. Ein Gelübde ist also eine Art Versklavung, das Gegenteil der Freiheit, die nötig ist, um aufrichtig und sinnvoll anzubeten. Mit der Anullierung der Gelübde der Gläubigen ist der erste Schritt getan, der sie vom Weltlichen zum Heiligen bringt, und schließlich den ganzen Weg hinauf zum Eingang des Allerheiligsten, wo sie dem Hohepriester begegnen, der aus dem Allerheiligsten heraustritt.

 Der Zweck dieses heiligen, jährlichen Dramas, das eine Nacht und einen Tag lang andauert, besteht in der Begegnung zwischen Gott und Israel, die gegenseitig flehentlich bezüglich von Reue ersuchen, dass Gott von seinem Zorn ablasse,und Israel von seinen Sünden. Hier besteht die reale Hoffnung, dass am Ende dieses metaphysischen Kampfes Israel als ganzes vielleicht zwar angeschlagen, aber doch vollkommen lebendig herauskommt.

 Viele wundern sich, wie das Volk Israel über die Jahrtausende allen Umständen zum Trotz überleben konnte, wo doch andere mächtige Nationen untergegangen oder in Vergessenheit geraten sind. Nicht ohne Grund kann man Israels Überleben mit der Einhaltung des Jom Kippur in Verbindung bringen. Wir mögen zwar vor und nach diesem Tag keinen wirklichen Unterschied in den Leben der Menschen wahrnehmen, doch ist der Fakt, dass Israel als solches überlebt hat, ein Zeugnis der wahren Kraft Jom Kippurs, der dazu führt, dass Gott Israel in das Buch des Lebens einschreibt.

 

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