Liebe deine Feinde

Der Friedensprozess findet wirklich statt. Man kann ihn sehen, zum Beispiel im medizinischen Zentrum Ziv in Tzfat, aber auch in anderen Krankenhäusern im Norden Israels.

Wenn wahrer Friede eine Veränderung in der Denkweise erfordert, besonders unter Arabern, die darin erzogen wurden, Israel als Todfeind zu betrachten, dann ist der von den westlichen Ländern unterstützte politische Friedensprozess zum Scheitern verurteilt. Doch in diesen Krankenhäusern werden Herzen und Gedanken verändert, und das ist eine Grundlage für echten Frieden.

Allein im medizinischen Zentrum Ziv wurden schon mehr als 1100 Syrer behandelt, die im Bürgerkrieg ihres Landes schwere Verletzungen erlitten haben. In fast allen Fällen waren sehr komplexe Operationen notwendig, berichtet Prof. Alexander Lerner, Leiter der orthopädischen Chirurgie. Dem Krankenhaus fehlt es eigentlich an Personal und Geld, dennoch vollbringen Professor Lerner und sein Team beinahe Wunder. Es gelingt ihnen, Beine zusammenzuflicken, die andere Ärzte aufgeben würden. Und all das zusätzlich zu ihrer eigentlichen Vollzeitarbeit. Lerner fällt es schwer, Patienten nach monatelanger Behandlung nach Hause zu schicken, ohne die letztendliche Genesung mitzuerleben. Doch einige Patienten halten ihn auf dem Laufenden. So hörte er von der jungen Frau, der er ein Bein erhalten und eine moderne Prothese für das andere bereitstellen konnte. Entgegen aller Prognosen kann sie laufen und bekommt sogar Heiratsanträge.

Prof. Alexander Lerner

Prof. Alexander Lerner

Der Medizinprofessor empfindet es als Belohnung, dass die Arbeit seines Teams den Frieden ein klein bisschen näher bringt. „Als das alles vor fünf Jahren begann, dachte ich: Wenn die Situation umgekehrt wäre und ich verletzt nach Syrien ginge – ich wäre innerhalb von Minuten tot. Aber wenn du mit den Menschen arbeitest, hörst du auf, Unterschiede zwischen dir und ihnen zu sehen. Nach der Behandlung haben sie nicht nur reparierte Glieder, sondern auch hier“ – Lerner zeigt auf seinen Kopf – „ist etwas in Ordnung gekommen. Wir sind schließlich Nachbarn. Und einem Nachbarn leistet man Hilfe.“

Zwei syrische Patienten teilen seinen Optimismus. Nur wenige Tage, bevor wir mit ihnen sprechen, sind sie operiert worden. Eine Explosion hatte ihnen schwere Verletzungen zugefügt, einer musste eine komplizierte Operation am Ellenbogen über sich ergehen lassen. Der Jüngere der beiden berichtet uns, dass er bis vor fünf Jahren noch beobachten konnte, wie die Syrer den Hass gegen Israel regelrecht eingeimpft bekamen. Doch langsam verstehe man, dass der jüdische Staat kein Feind sei. Die Frage, ob ein Friede zwischen beiden Ländern eines Tages möglich sei, bejaht der ältere Patient, der schon zum zweiten Mal in Israel behandelt wird. „Viele Menschen in Syrien sehen in Israel nicht länger den Feind“, erklärt er. Israel sei eines der gerechtesten Länder in der Region. „Der syrische Bürgerkrieg scheint sich langsam seinem Ende zu nähern. Wenn Israel nicht eingreift, wird die Zukunft dunkel bleiben“, warnt er.

 

Christliche Verbindung

Sozialarbeiter Fares Issa

Sozialarbeiter Fares
Issa

Die jahrelang vorgelebte israelische Uneigennützigkeit lässt viele Syrer aufwachen. Sie verstehen, was sie an ihren jüdischen Nachbarn haben. Aber wie haben die ersten syrischen Patienten reagiert, als sie nach Israel gebracht wurden? „Im ersten Jahr hatten sie noch Angst“, sagt Sozialarbeiter Fares Issa. „Doch schon nach einem Monat schöpften sie Vertrauen. Wenn ein Patient seine Familie vermisst, vertraut er sich Schwestern, Pflegern und Ärzten leichter an.“ Fares ist ein christlicher Araber aus dem Dorf Jish. Nachdem er das schwere Trauma der ersten syrischen Patienten gesehen hatte, entschied er, sich um sie zu kümmern. „Ich spreche ihre Sprache“, erzählt er. „Meine Aufgabe bestand anfangs in der Erstversorgung dieser Menschen. Immer mehr Kollegen, auch Ärzte, brachten gespendete Sachen mit. Und es kamen immer wieder Patienten. Ich lief von Abteilung zu Abteilung, bis mir mein Chef mitteilte, dass ich die Hälfte meiner Arbeitszeit den Syrern widmen darf.“

Es ist Fares wichtig, dass die erste Person, mit der ein Syrer im Ziv Krankenhaus spricht, des Arabischen mächtig ist: „Gleich nach der Ankunft beruhige ich sie und erkläre ihnen, wo sie sind und was mit ihnen passieren wird.“

 

Von Herzen

Es versteht sich von selbst, dass diese aufwändige Aufgabe enorm kostspielig ist. Und dennoch nimmt Ziv die Syrer auf, die nirgendwo anders hingehen können, trotz der Tatsache, dass sie stundenlange Operationen, Monate der Rehabilitation und teure Prothesen benötigen. Für Prof. Lerner ist das Kalkül einfach: „Wenn sie es nicht von uns bekommen, werden sie es gar nicht bekommen. Also stellt Israel es zur Verfügung. Gott sei Dank wird ein Großteil der Kosten durch Spenden ausgeglichen. Die kommen von Moscheen, Synagogen, Kibbutzim und anderen Gemeinden in ganz Israel.“

Anstatt darauf zu warten, dass Patienten an der Grenze erscheinen, suchen Ziv-Mitarbeiter nun in Syrien nach ihnen. „Vor ungefähr einem Jahr“, berichtet Fares, „wurden wir darauf aufmerksam, dass viele Kinder, die während des Krieges geboren werden, dringend medizinisch behandelt werden müssen. Sie haben keine medizinische Versorgung in Syrien. Viele leiden unter nicht diagnostizierten Krankheiten, oft Nebenwirkungen ihrer mentalen und emotionalen Traumata. Jetzt holt unser Bus vor der Morgendämmerung 25 Kinder, jedes in Begleitung eines Elternteils, von der Grenze ab. Die Begrüßung übernimmt ein Clown, der Arabisch spricht. Sie bekommen hier Frühstück, und dann behandeln Ärzte sie im Laufe des Tages.“

Aber Israel investiert nicht nur Geld und Zeit, um seinen Nachbarn zu helfen. Prof. Lerner weiß, dass manche Mitarbeiter, die sich täglich um Syrer kümmern, infolgedessen selber emotionale Traumata erleiden. Wie sollte es auch anders sein, wenn man Tag für Tag mit solch einer überwältigenden menschlichen Tragödie konfrontiert wird.

Hier gestaltet sich ein Weg zu echtem Frieden. Es ist die Bereitschaft, sich für den Nächsten einzusetzen, ihn so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten. All das Gerede von Land und Souveränität ist verfrüht, solange sich die Herzen und der Geist nicht verändert haben.

Kommentare:

Nur Mitglieder können Kommentare lesen und schreiben.