Einblick ins messianische Judentum – Teil VII Yehuda-HaimFlash90
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Einblick ins messianische Judentum – Teil VII

Die Messianische Gemeinde (siehe Israel Heute, Mai 2019) mag relativ unabhängig gewesen sein, gleichwohl unterhielt sie enge Beziehungen zu ausländischen Missionswerken sowie einer Reihe von europäischen und amerikanischen Gemeinden.

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von Ori ben Gvir

Die bedenkenlose Übernahme christlicher Theologie sowie etlicher typisch christlich-kultureller Praktiken war ein Grad an Abhängigkeit, den einige ursprüngliche Mitglieder der Gemeinde nicht hinnehmen wollten. Einer von ihnen, Haim Haimoff Bar David (1905-1996), gründete in den 1970ern in Ramat Gan seine eigene Gemeinde.

Haimoff war ein bulgarischer Jude, der 1928 nach Israel gekommen war. Er hatte als Missionar für die Christlich-Missionarische Allianz (C&MA) und für eine amerikanische Missionsgesellschaft für Juden (American Board of Missions to the Jews) gearbeitet. Nach einigen Jahren kappte er seine Beziehungen zu diesen Organisationen, weil er erkannt hatte, dass sie nicht wirklich daran interessiert waren, die Entwicklung wirklich unabhängiger israelischer Gemeinden zu fördern.

Mit seiner Frau, sechs Söhnen und einer Tochter gründete er eine Gemeinde, die sich durch überzeugten Zionismus, der Ablehnung von Traditionen und einen autoritären Leitungsstil auszeichnete. Letzteres brachte einige Gemeindemitglieder dazu, ihn als modernen Apostel zu bezeichnen. Haimoff hielt sich strikt an Martin Luthers Grundsatz Sola Scriptura, was ihn dazu brachte, sowohl jüdische als auch christliche Traditionen und deren angehäufte Werke abzulehnen. Die Predigten beispielsweise stützten sich nicht auf ein sorgfältiges Studium der Kommentare. Stattdessen sollte das Verständnis der Bibel vom Heilgen Geist kommen, mithilfe von Wörterbüchern, Landkarten und anderen nichtreligiösen Lehrmitteln.

Dieses Niveau an Unabhängigkeit mag die Gemeinde von jeglicher Rechenschaftspflicht gegenüber Anderen befreit haben, doch das hatte seinen Preis. Bis heute betrachten die meisten israelisch-messianischen Juden diese Gemeinde und ihre zwei Tochtergemeinden als Fast-Häretiker. Hierbei muss angemerkt werden, dass die Bar David-Familie selbst heute zutiefst entzweit ist. Ein Bruder wirft dem anderen buchstäblich vor, irrgläubig zu sein. Die Dinge sind dermaßen aus dem Ruder gelaufen, dass im Jahr 2010 eine Bar David Gemeinde eine andere „exkommuniziert“ hat.

Die Bar David Gemeinden halten nur die biblischen Feiertage, darunter den Schabbat, jedoch nicht auf traditionelle Weise. Auch wird während des Pessach-Festmahls nicht die traditionelle Haggada gelesen, sondern biblische Texte, die sich am Abendmahl orientieren. Durch die Verbindung von Jesus mit der Pessach-Haggada wird meiner Meinung nach die Pessach-Erzählweise derart verändert, dass nur noch messianische Juden einen Bezug dazu haben. Das untergräbt für jüdische Familienmitglieder den Anlass, einmal im Jahr ohne Rücksicht auf individuelle religiöse oder soziale Überzeugungen zu feiern.

Natürlich soll hier nicht der Eindruck vermittelt werden, dass dies ein Versuch gewesen sei, das Judentum in messianische Kleider zu hüllen. Als überzeugter Zionist scheint Haimoff sich der Bewegung der „neuen Juden“ angeschlossen zu haben, die das Judentum von negativen kulturellen Elementen befreien will, die es sich im Exil angeeignet hatte. Diese frühen zionistischen Idealisten hatten gehofft, dass eine neue Generation in Israel geborener Juden einen säkularen sozialistischen Zufluchtsort aufbauen würde, begleitet von den Morallehren der biblischen Propheten, statt denen der rabbinischen Weisen. Auch Haimoff versuchte, diesen „neuen Juden“ zu schaffen, dessen Fundament die Lehre des Neuen Testaments sein sollte. Diese Version des Zionismus mag der israelischen Gesellschaft nicht gefallen haben, sie kam jedoch bei der messianischen Bewegung gut an, die genau wie viele andere säkulare Juden eher einen negativen Eindruck von der jüdischen Religion hatten.

Viele messianische Juden glauben, dass solch eine Freiheit von religiösen Zwängen maßgeblich für die Errichtung der Art Glaubensgemeinschaft ist, von der in der Apostelgeschichte die Rede ist. Die meisten interpretieren diese Gemeinde aus dem 1. Jahrhundert als eine ganzheitlich geistliche Gemeinde, keine religiöse. Auch die Bar Davids werfen ein Licht auf den internen Konflikt, der so gut wie alle messianischen Gemeinden plagt, die beweisen wollen, dass sie ein fester Teil der israelischen Gesellschaft sind, während sie gleichzeitig eine Art Exklusivität zum Ausdruck bringen.

 

 

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