Die Wahrheit über das mündliche Gesetz

Eine Antwort auf Josh Feinbergs Beitrag – Dr. Michael Brown nimmt Stellung zu einem Artikel über rabbinische Autorität

von Dr. Michael Brown |

Als jüdischer Jeschua-Gläubiger, der seit 50 Jahren im Dialog mit der rabbinischen Gemeinschaft steht, fand ich Josh Feinbergs Artikel Anfang Mai auf der Israel Heute Webseite mit dem Titel „Oral Law vs. Nice Culture“ (Mündliches Recht vs. nette Kultur) sowohl beunruhigend als auch überraschend.

Feinberg schrieb seinen Artikel als Antwort auf eine kürzlich stattgefundene Debatte zwischen dem messianischen Juden Eitan Bar und dem ultra-orthodoxen Rabbiner Chaim Shitrit und bemerkte, dass die Debatte von einigen Leitern der israelischen messianischen Gemeinde als „historisch“ bezeichnet wurde, eine Behauptung, die Feinberg zurückwies.

Was Feinberg übersehen zu haben scheint, ist, dass diese Debatte in vielerlei Hinsicht historisch war, da sie in Israel, auf Hebräisch, zwischen zwei Juden geführt wurde und sich ganz auf das mündliche Gesetz konzentrierte. Ist so etwas schon einmal in einer öffentlichen Umgebung geschehen? Meines Wissens nicht.

Aber es sind Feinbergs Argumente für das Mündliche Gesetz, die am beunruhigendsten waren, da es genau die gleichen Argumente sind, die ich seit Jahrzehnten von Rabbinern gehört habe, wenn es um die Gründe geht, warum kein Jude an Jeschua glauben sollte.

Feinberg schrieb: Aber das eigentliche Wunder ist, warum messianische Juden sich immer noch mit einer Frage beschäftigen, die vor mehr als zwei Jahrtausenden geklärt wurde, als die Juden als Ganzes die wörtliche Auslegung der Tora durch die Sadduzäer ablehnten, die sie unter anderem dazu gebracht hatte, die Auferstehung von den Toten zu leugnen, weil sie, um dem Argument von Eitan Bar zu folgen, nicht ein einziges Mal darin erwähnt wurde.“

Ist Feinberg sich nicht dessen bewusst, dass dies genau das gleiche Argument ist, das wir hören, wenn es um Jeschua geht? „Die jüdischen Leiter haben das vor 2.000 Jahren geklärt. Jesus ist nicht der Messias.“

Oder, wie ein ultra-orthodoxer Rabbiner in den frühen 1970er Jahren zu mir sagte: „Wir haben eine ununterbrochene Kette von Traditionen, die direkt bis zu Moses zurückreichen. Wer sind Sie, dass Sie mich belehren, was ich glauben soll?“

Das ist der Grund, warum dies für uns als Juden ein so wichtiges Thema ist. Es ist eine Frage der Autorität. Es geht darum, wer die wahre Interpretation der Schrift vertritt. Dies ist kaum eine triviale Angelegenheit.

Eine orthodoxe jüdische Webseite erklärt: „In vielerlei Hinsicht ist die mündliche Tora wichtiger als die schriftliche Tora. . . . Sie ist Gott sogar lieber als die Schriftliche Tora. Die Mündliche Tora ist das Mittel, durch das wir unser Leben Gott und seinen Lehren widmen.“

Natürlich ist dies ein Thema für messianische Juden, die auf Jeschua und die Schriften des Neuen Bundes als unsere letzte Autorität schauen. Und es war Jeschua, der einige der jüdischen Anführer seiner Zeit zurechtwies, als er sagte: „Ihr verlasst das Gebot Gottes und haltet euch an die Tradition der Menschen. . . . Ihr habt eine feine Art, das Gebot Gottes zu verwerfen, um eure Tradition zu begründen!“ (Markus 7,8-9)

Was die Sache mit dem mündlichen Gesetz betrifft, das „vor mehr als zwei Jahrtausenden festgelegt wurde“, so ist das kaum zutreffend, wie aus der antiken jüdischen Literatur aus der späten Zeit des Zweiten Tempels (wie z.B. 4QMMT aus Qumran) ersichtlich ist, wo es hitzige Debatten zwischen den verschiedenen jüdischen Sekten gab, eine Debatte, die nicht durch die allgemeine Zustimmung der jüdischen Gemeinschaft beigelegt wurde, sondern durch die Zerstörung des Zweiten Tempels und dem letztendlichen Triumph der Pharisäer.

Nicht nur das, sondern es scheint auch klar zu sein, dass in den ersten 300-400 Jahren dieser Ära die frühen messianischen Juden (genannt „Nazarener“) weiterhin als Juden lebten (zur Bestürzung der zunehmend heidnischen Gemeinde), während sie gleichzeitig die aufkommenden rabbinischen Traditionen ablehnten, samt der rabbinischen Autorität.

Kommen wir zur These, dass Bar’s Ablehnung des Mündlichen Gesetzes (basierend darauf, dass es nicht in der Bibel gefunden wurde) eine Parallele zur sadduzäischen Ablehnung der Auferstehung ist, weil diese nicht in der Thora vorkomme. Diese Annahme ist falsch, denn

  1. Jeschua zeigte ihnen, dass die Auferstehung in der Thora zu finden ist; und
  2. Sie hatten sie sich schuldig gemacht, den Rest der hebräischen Schriften abzulehnen, die eindeutig Hinweise auf die zukünftige Auferstehung enthalten.

Feinberg behauptet, dass „ohne das Mündliche Gesetz die Lehre Jesu über die Auferstehung weder überprüft noch gerechtfertigt werden kann„, womit er offenbar mündliche Überlieferungen meint. Aber wir haben diese Traditionen heute nur, weil sie schriftlich festgehalten wurden, und es ist das geschriebene Wort Gottes, das die letzte Autorität trägt.

Was Feinbergs Behauptung betrifft, dass „es heute nur deshalb Juden gibt, weil ihre Vorfahren nach dem mündlichen Gesetz lebten“, so ist das eine erhebliche Übertreibung. Vielmehr gibt es heute nur deshalb Juden, weil Gott sich gnädigerweise entschieden hat, uns zu bewahren. Ob Er dabei diese Traditionen gebraucht hat oder nicht, ist wirklich nebensächlich, es sei denn, Sie glauben, dass Juden den Sabbat über die Jahrhunderte nicht hätten halten können, ohne jedes Detail der 39 Arbeitseinteilungen des Talmuds zu kennen.

Feinberg stellt die falsche Behauptung auf, dass religiöse Gruppen, die nur der Heiligen Schrift folgen, nicht lange existieren können. Im Gegenteil, die Karaiten sind immer noch da, mehr als ein Jahrtausend, nachdem sie von der rabbinischen Gemeinschaft an den Rand gedrängt worden sind, während auf christlicher Seite die protestantischen Christen vor kurzem mehr als 500 Jahre Reformation feierten, in deren Rahmen sie seither die Traditionen der katholischen Kirche ablehnen und an sola scriptura festhalten.

Nun gibt es sogar eine Bildunterschrift zu einem Foto in dem Artikel, die lautet: „Das mündliche Gesetz, das jetzt als Teil des Talmuds niedergeschrieben ist, ist der Schwerpunkt des ultraorthodoxen Lernens, sogar noch mehr als die Bibel, was messianische Juden verärgert.“ Für messianische Juden ist das in der Tat irritierend, denn:

  1. Es nimmt den Fokus weg von dem geschriebenen Wort;
  2. Es erhebt die rabbinischen Traditionen als unantastbar und unanfechtbar; und
  3. Es präsentiert ein ganz anderes Bild des Messias.

Wie rechtfertigt Feinberg dann seine Bejahung des mündlichen Gesetzes? Er verweist auf den allgemeinen Satz: „Der Herr sprach zu Mose, sprich zu den Israeliten“, und behauptet dann: Das bedeutet, dass der Bund zwischen Gott und Israel, der bald nach dem Durchzug durch das Rote Meer geschlossen wurde, vollständig auf der Tora basierte, die Moses zu Israel sprach.“

Das ist offenkundig falsch, wie unter anderem biblische Passagen wie 2. Mose 24,1-8; 5. Mose 17,18-20; 31,24-29; und Jos 1,8 deutlich machen. (Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um diese Bibelstellen selbst zu lesen; für eine eingehende Studie siehe Band fünf meiner Serie „Antworten auf jüdische Einwände gegen Jesus“).

2.Mose 34:27 macht dies ebenfalls deutlich: „Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe diese Gebote auf; denn nach diesen Geboten schließe ich einen Bund mit dir und mit Israel.“

Feinberg zitiert diesen Vers tatsächlich und führt eine rabbinische Interpretation an, die die Bedeutung des Textes auf den Kopf stellt, als ob sie die Mündliche Tora und nicht die geschriebene Tora unterstützt.

In der Tat ist die talmudische Auslegung rein homiletisch und exegetisch und grammatikalisch völlig unhaltbar; Feinberg gibt sogar zu, dass sie weit hergeholt klingt. Warum in aller Welt sollte man sie dann zitieren?

Für Feinberg kann die Tora jedoch nicht ohne das Mündliche Gesetz eingehalten werden. „Ohne dieses“, schreibt er, „kann das Volk Israel Gott nicht gehorsam sein. Ohne das Mündliche Gesetz kann Israel nicht zu einer unterscheidbaren Nation geeint werden.“

Wie kommt es dann, dass man diesen gleichen Rabbinern, den Hütern der Nation, vertrauen kann, wenn sie uns sagen, wie Gott will, dass wir eine Sukkah bauen, indem sie angeblich die exakten Maße weitergeben, die Gott Mose auf dem Sinai gegeben hat? Aber man kann ihnen nicht vertrauen, dass sie den wahren Messias erkennen? Und wie kann es sein, dass diese Weisen jedes Detail der Sabbatbeachtung kennen, einschließlich der Tatsache, dass man am Sabbat nur eine weiche Bürste für sein Haar benutzen darf, und doch konnten sich so sehr über den Messias irren, und das seit 2000 Jahren?

Passend dazu wies mich ein ultra-orthodoxer Rabbiner darauf hin, dass das mündliche Gesetz eine lebendige Tradition mit lebenden rabbinischen Autoritäten ist. Wenn Sie als messianischer Jude ihm sagten, dass Sie das Mündliche Gesetz hochhalten, würde er Ihnen folgendes sagen: „Erstens, wer ist Ihre gegenwärtige, rabbinische Autorität, diejenige, deren Entscheidungen Sie sich unterwerfen? Zweitens: Sie sind ein Götzendiener und müssen Buße tun.“

Mit anderen Worten, man kann nicht einfach sagen: „Ich halte mich an die rabbinische Lehre und die Autorität des mündlichen Gesetzes, aber nicht, wenn es um die wesentlichsten Bereiche meines Glaubens geht.“

Was die messianischen Juden angeht, die sich heute aussuchen, welchen Bräuchen sie folgen, so tun das auch andere Juden, von der Reform über die Konservativen bis hin zu den Modern-Orthodoxen und Haredim. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches.

Feinberg beendet seinen Artikel mit einem langen Zitat von Rabbi Ouri Amos Cherki, das mit diesen Worten gipfelt: „Das Wesen des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hat, wird durch das Leben gesehen, das im Beit Midrasch (Studienhaus) geformt wird, ein Leben des Mündlichen Gesetzes.

Leider ist dieses Leben eines ohne Jeschua. Eines, das auf die Schriften des Neuen Bundes spucken würde, eines, das als Feind des Evangeliums bezeichnet wird (Röm 11,28).

Dennoch verunglimpfe ich weder die Rabbiner des Talmuds, noch verunglimpfe ich unsere Traditionen. Ich sage nur das Offensichtliche: Es gibt keine ununterbrochene Kette von Traditionen, die bis zu Mose auf dem Berg Sinai zurückreicht.

Wo diese Traditionen dem Buchstaben oder dem Geist des Gesetzes widersprechen, oder wo sie die Person des Messias oder die Natur der Erlösung missverstehen, tun wir gut daran, diese Traditionen zu ignorieren und dem zu folgen, was geschrieben steht. Das allein ist der Weg des Lebens.

 

Dr. Michael L. Brown ist ein bekannter messianisch-jüdischer Apologet und der Autor von mehr als vierzig Büchern. Seine Website: AskDrBrown.org.

Israel Heute hat sich an Josh Feinberg gewandt, er schickte die folgende Reaktion auf Dr. Browns obigen Artikel:

„Ich bin verblüfft von der schieren Dreistigkeit dieses dogmatischen Essays, das davon ausgeht, dass die ganze Weisheit der Weisen Israels zusammengenommen einer Koryphäe nicht gewachsen ist, die nicht einmal weiß, dass es das Mündliche Gesetz ist, das die hebräische Sprache bewahrt hat, ohne die die hebräische Bibel nicht verstanden werden kann, die die wahre Bedeutung der Sprache bewahrt hat. Aber er kennt die Wahrheit und sie nicht. Warum? Weil sie Jesus abgelehnt haben. Oh, könnte Dr. Brown doch nur verstehen, dass die Art und Weise, wie er das Judentum und die Juden darstellt, identisch ist mit dem berüchtigten Bild der blinden Synagoga, die gedemütigt vor der triumphierenden Ecclesia steht. Oh, und um Himmels willen, könnte Dr. Brown doch nur etwas von Paulus lernen, der nicht so stolz war, im Angesicht des Geheimnisses Israels still zu stehen.“

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