Broken Lives: Wie Deutsche das 20. Jahrhundert erlebt haben

Professor Konrad Jarausch thematisiert in seinem neuen Buch das 20. Jahrhundert, das den Deutschen Zerstörung aber auch Erneuerung gebracht hat, es von einem militärischen Aggressor zu einer Säule europäischer Demokratie formte.

Broken Lives: Wie Deutsche das 20. Jahrhundert erlebt haben
Nati Shohat/FLASH90

Nachdem Deutschland den 1. Weltkrieg verloren hatte, litt das Land unter dem Verlust territorialer Gebiete und Hyperinflation. Die Weimarer Republik galt als Zeit der Hoffnung, doch dann setzte die große Wirtschaftskrise ein, die den Weg zu Adolf Hitlers rassistischem Regime ebnete, in dem jüdische Bürger verfolgt wurden. Der 2. Weltkrieg brach aus.

Durch den Krieg nur noch angetrieben, ermordeten die Nazis nun Juden im großen Maßstab, was als Holocaust in die Geschichte einging. Doch auch Millionen von Deutschen kamen in den Wirren des Krieges ums Leben. Deutschlands bedingungslose Kapitulation im Jahr 1945 führte zur Teilung des Landes in Ost- und Westdeutschland. Mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 hat Deutschland sich selbst geheilt.

Konrad Jarausch, Professor für Europäische Zivilisation an der Universität North Carolina, zeichnet die turbulenten Irrungen und Wirrungen des deutschen Volkes in seinem Buch „Broken Lives: How Ordinary Germans Experienced the 20th Century” (Zerbrochene Leben: Wie ganz normale Deutsche das 20. Jh. erlebten) herausgegeben von der Princeton University Press. Er bezieht sich auf die Erinnerungen vieler Deutscher, die in den 1920ern geboren wurden und die verheerenden Veränderungen miterlebt haben.

Unabhängig von Religion, Status und Ansehen haben die Deutschen, die in dieser Zeit erwachsen wurden, gewisse Charaktereigenschaften geerbt, die praktisch typisch deutsch sind: hart arbeitend, diszipliniert, pünktlich und Respekt vor Autoritäten. Jarausch weist jedoch darauf hin, dass die Deutschen schon immer geteilt waren, was Politik und Soziales angeht. Die nationalistische Einstellung war eher was für Landeigner, Offiziere der Armee, Beamte und traditionelle Protestanten, selbst für einige Handwerker und Bauern. Liberale kamen eher aus der Mittelschicht. Die Katholiken verteidigten ihren Glauben in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft. Industriearbeiter zog es zur Arbeiterbewegung.

Mit der Bildung eines vereinten Deutschland im Jahr 1871 erhielten auch die Juden endlich zivile Rechte, doch der Aufstieg eines mehr rassistischen als religiösen Antisemitismus zwang sie dazu, sich zu überlegen, ob sie eine separate Identität beibehalten wollten oder sich unter die Christen mischen. Die Mehrheit der Juden entschied sich für einen Kompromiss, sie wollten Deutsche sein, allerdings jüdischen Glaubens. Assimilierte Juden, die sogar konvertierten, gelangten zur Einsicht, dass Hardcore-Antisemititen sie nie als wahre Deutsche akzeptieren würden.

Der Aufstieg der Nazi-Bewegung führte in vielen Familien zu Konflikten. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 war öffentlicher Widerspruch nicht länger möglich. In den Schulen wurden die Schüler mit nationalistischen und rassistischen Ideen indoktriniert. Jüdische Schüler wurden isoliert und damit zur Zielscheibe für Diskriminierung und Beleidigungen. Die meisten jüdischen Schüler wurden 1936 aus Schulen ausgeschlossen und mussten nun in rein jüdischen Bildungsanstalten lernen.

Nur wenige junge Deutsche hinterfragten diesen status quo. „Die Kombination eines nationalsozialistischen Zuhauses, einer nazifierten Schule und der Indoktrination in der Hitlerjugend formte die Mehrheit zu gehorsamen Werkzeugen der Nazi-Unterdrückung und der Aggression“, schreibt er.

Antisemitische Verordnungen und Erlasse, vor allem die Nürnberger Gesetze von 1936, löschten den Fortschritt von Jahrzehnten aus, in denen die Juden sich emanzipiert hatten. Jetzt waren die Juden vollkommen aus der Gemeinschaft des deutschen „Volkes“ ausgeschlossen. Christen mussten auf Druck der Nazis ihre Verbindungen zu den Juden aufgeben, nur eine mutige Minderheit von Antifaschisten hielten weiter an der Beziehung zu Juden fest.

Zwei Drittel der Juden verließen das Land, der Rest war der schrecklichen Feindseligkeit der Nazis ausgesetzt. Deutschland verbot im Oktober 1941 den Juden die Auswanderung. Ab diesem Punkt waren sie peniblen Gesetzen ausgesetzt, sie wurden aus ihren Häusern vertrieben, in Ghettos gesperrt und in Konzentrationslager in Polen und den baltischen Staaten deportiert.

Wer sich öffentlich gegen das Regime aussprach, wurde ins Gefängnis gesteckt und in Lager wie Dachau oder Buchenwald gesteckt und ermordet. Offizier Claus Schenk von Stauffenberg, der mit an dem Attentat auf Hitler im Jahr 1944 beteiligt war, wurde von einem Exekutionskommando erschossen. Andere Gegner der Nazis tauchten unter.

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges stellte das Leben vieler junger Männer auf den Kopf. Sie wurden in die Armee eingezogen, mussten abrupt ihre Bildung, Karriere und romantische Beziehungen unterbrechen. Nazifanatiker dagegen schlossen sich jubelnd der Waffen-SS an. Die meisten Wehrmachtsoldaten, die vollkommen gehirngewaschen waren, dachten, sie verteidigten ihr Vaterland und Deutschlands Existenz. Offene Kritik am Krieg, Sabotageversuche oder Desertation wurden schonungslos unterdrückt.

Als sich die nahende Niederlage Deutschlands immer deutlicher abzeichnete, begannen auch immer mehr Deutsche sich zu fragen, was der Sinn dieses Krieges war. „Die Ausbeutung von Zwangsarbeitern, die blutige Unterdrückung von Partisanen und die rassistische Verfolgung von Juden konnte nicht länger ignoriert werden. Sie warfen moralische Fragen auf, was die Berechtigung der deutschen Taten betraf“, sagt Jarausch. „Einige Fanatiker hielten an ihrem nationalsozialistischen Glauben fest, doch viele Soldaten lösten sich langsam von dem ‚verdammten Schwindel‘ eines bankrotten Regimes.“

Während in Europa der Krieg tobte, hielten die Frauen an der Heimatfront die Stellung. Sie unterstützten den Krieg, wo sie konnten und füllten die Arbeitsplätze, die einst Männern vorbehalten waren. Ungefähr 1,4 Mio. Frauen dienten im Militär in Positionen wie der Administration, Kommunikation und Luftabwehr. Einige Frauen, wie beispielsweise die berüchtigte Ilse Koch, waren Wärterinnen im Konzentrationslager. Andere unverheiratete Frauen bekamen im Rahmen des „Lebensborn“ Programms „reinrassische“ arische Kinder, um etwas gegen die sinkende Geburtsrate zu tun.

Zehntausende von Frauen starben in deutschen Städten während der Luftangriffe der Alliierten. Fast eine Million Frauen starben während der Flucht aus östlichen Gebieten, die von der Roten Armee eingenommen wurden. Bis zu zwei Millionen wurden von russischen Soldaten vergewaltigt, die sich damit für die Gräuel der Deutschen rächen wollten.

Jarausch glaubt, dass sich mehr „normale Deutsche“ am Holocaust beteiligt haben, als angenommen wird, und weniger, als einige Kritiker behaupten. „Direkt an den Massenmorden beteiligt waren unmittelbare Mörder in der SS, den Einsatzgruppen, der Wehrmacht und ethnische Hilfskräfte, die wiederum von gnadenlosen Bürokraten unterstützt und von rassistischen Gleichgesinnten angefeuert wurden.“

Mit dem Niedergang des Dritten Reiches lastete auf den Deutschen der Glaube, dass die Zukunft keine Hoffnung biete. Zehn Millionen deutsche Kriegsgefangene verrotteten in Kriegslagern, die letzten wurden erst 1955 aus der Sowjetunion entlassen. Deutsch-jüdische Flüchtlinge spielten bei der Errichtung der alliierten Besatzung eine wichtige Rolle. Deutsche, die aus ehemaligen deutschen Gebieten oder andern Ländern vertrieben wurden, strömten in das besetzte Deutschland.

Weil es nach dem Krieg an Arbeitskräften mangelte, halfen die deutschen Frauen beim Wiederaufbau der zerstörten Städte. Sie füllten Arbeitsplätze, in denen einst die Männer das Sagen hatten, wie Straßenbahnfahrer oder Bäcker. Durch die Zerstörung der Miethäuser und der ununterbrochenen Ankunft von neuen deutschen Flüchtlingen herrschte große Wohnungsnot.

In den Sowjetzonen war der Entnazifizierungsaufwand deutlich ausgeprägter, doch auf beiden Seiten des politischen Spektrums wechselten Nazis gleichermaßen fließend die Seiten und übernahmen die Ideologie der jeweiligen Besatzungsmächte.

Im Lichte des Ausmaßes der Zerstörung in den Städten verließen einige Deutsche, darunter auch Nazi-Straftäter, völlig demoralisiert Deutschland, um sich im Ausland niederzulassen. Die Juden aus den Nazilagern wanderten ebenfalls aus.

Die Nachkriegsgeneration verlangte von ihren Eltern Schuldeingeständnisse für die Verbrechen der Deutschen und nahm eine rebellische Einstellung an, als die Elterngeneration dazu nicht bereit war.

Aus den Besatzungszonen der USA, Großbritanniens und Frankreichs wurde im Jahr 1949 die BRD gegründet, wobei in der Verfassung rechtliche Mittel festgesetzt wurden, die eine Diktatur in Zukunft verhindern sollen. Die Gründer der Republik, Konrad Adenauer, Kurt Schumacher und Theodor Heuss versuchten, Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen, das Leid zu beenden und Wohlstand zu schaffen. „Die Beseitigung der Trümmer, die Ernte, die Wiederherstellung des Transports und der Wiederaufbau der Häuser verlangten enorme Kräfte, um eine Infrastruktur zu schaffen, die ein normales Leben ermöglicht“, sagt Jarausch. Diese greifbaren Errungenschaften haben das Selbstbewusstsein der Deutschen wieder hergestellt.

Insbesondere der Westen Deutschlands wurde vom Aufschwung der Nachkriegszeit umgeformt. Als Maßstab für Wohlstand galt hier der Besitz eines Autos für das Geschäft und/oder Freizeit. Der Wohlstand in Westdeutschland breitete sich aus, die Deutschen konnten sich ein Auto leisten.

Drei Jahrzehnte langes Wirtschaftswachstum stellte nicht nur eine zerstörte Nation wieder her, sondern „versetzte vor allem seine Bürger in eine wohlhabende Konsumgesellschaft, die weit über die Weimarer Republik oder das Dritte Reich hinausging“, so Jarausch.

Wiedergutmachungsleistungen der westdeutschen Regierung an Holocaustüberlebende zeigten, dass die Elite die moralische Verantwortung für die Verbrechen der Nazis übernahmen. „Adenauer mag eine mitte-rechts Wählerschaft angesprochen haben, er wusste aber trotzdem, dass Integration in den Westen nur gelingen würde, wenn er Reue für die deutschen Verbrechen zeigen würde und Israel und der jüdischen Gemeinschaft Entschädigung anbieten würde“, sagt Jarausch. In dieser Hinsicht „haben die unwiderlegbaren Beweise für den Massenmord durch Überlebende, Dokumentarfilme und Literatur öffentlich Antisemitismus diskreditiert“, fügt er hinzu.

Im Laufe der Zeit kam die übereinstimmende Meinung auf, das Dritte Reich sei ein bitterer Fehler gewesen, „der vermieden hätte können“ und dass die „kommunistische Alternative (Ostdeutschland) noch immer nicht tragbar“ sei. Diese Gedanken haben das hervorgebracht, was Jarausch als den „gezüchtigten Deutschen von heute“ beschreibt. „Die schrecklichen Erfahrungen und quälenden Erinnerungen des 20. Jahrhunderts haben die Mehrheit der Deutschen verändert, weshalb sie sich von ihren europäischen Nachbarn zutiefst unterscheiden.“

Kurz gesagt, die Lektionen der Vergangenheit haben viele Deutsche zu „aufrichtigen Demokraten und Pazifisten“ werden lassen, die Krieg, Totalitarismus und Diskriminierung aufgrund von Rassenunterschieden verabscheuen.

 Dieser Artikel ist zuerst auf www.sheldonkirshner.com erschienen

Kommentare: