Acht Tage vor der israelischen Parlamentswahl hat der ehemalige Verteidigungsminister und frühere Generalstabschef Benny Gantz seinen Rückzug aus dem Wahlkampf angekündigt. Seine Partei Blau-Weiß (Kachol Lavan) wird bei der Wahl am 27. Oktober nicht mehr antreten. Damit zieht sich einer der einst aussichtsreichsten Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach einem dramatischen Verlust an politischer Unterstützung aus dem Rennen zurück.
Gantz erläuterte seine Entscheidung am Montagabend auf einer Pressekonferenz in Kfar Maccabiah bei Tel Aviv. Seine Partei lag seit Monaten in Umfragen deutlich unter der israelischen Sperrklausel von 3,25 Prozent und hatte damit kaum noch Aussicht auf einen Einzug in die Knesset.
„Schweren Herzens und aus Verantwortung habe ich beschlossen, meine Kandidatur für die 26. Knesset zurückzuziehen“, erklärte Gantz. Er übernahm persönlich die Verantwortung für das politische Scheitern seiner Partei und räumte ein, dass es ihm nicht gelungen sei, genügend Israelis von seinem politischen Weg zu überzeugen.
Gleichzeitig betonte er, dass er seine politischen Überzeugungen nicht aufgebe. Er werde sich weiterhin für eine breite Regierung der nationalen Einheit einsetzen, die politische Lagergrenzen überwinde und Israel angesichts seiner sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stabilisieren könne.
Nach Angaben von Ynet warnte Gantz die politischen Parteien davor, nach der Wahl erneut in die alten Auseinandersetzungen zurückzufallen. „Führt uns nicht zum 6. Oktober zurück“, mahnte er mit Blick auf die politische Situation vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Ohne einen grundlegenden politischen Wandel drohten Israel weitere gesellschaftliche Spaltungen und politische Krisen.
Der Rückzug markiert einen bemerkenswerten politischen Abstieg. Als Gantz Anfang 2019 in die Politik eintrat, galt der ehemalige Generalstabschef als Hoffnungsträger des politischen Zentrums. Bei der Knessetwahl im April 2019 erreichte das damalige Bündnis Blau-Weiß unter seiner Führung 35 Mandate und wurde damit zu einer der stärksten politischen Kräfte des Landes.
Nach mehreren ergebnislosen Wahlen entschied sich Gantz im Jahr 2020, gemeinsam mit Netanjahu eine Einheitsregierung zu bilden. Er übernahm das Verteidigungsministerium und wurde zum alternierenden Ministerpräsidenten ernannt. Die vereinbarte Rotation an der Regierungsspitze kam jedoch nie zustande, da die Koalition zuvor zerbrach.
Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 trat Gantz erneut einer von Netanjahu geführten Regierung bei und wurde Mitglied des Kriegskabinetts. Im Juni 2024 verließ er die Regierung nach zunehmenden Meinungsverschiedenheiten über die Kriegsführung und die Zukunft des Gazastreifens.
Bei seiner Pressekonferenz verteidigte Gantz seinen damaligen Eintritt in die Regierung. Er habe gewusst, dass ihn dieser Schritt politisch teuer zu stehen kommen könnte. Dennoch würde er sich unter vergleichbaren Umständen erneut so entscheiden.
In den vergangenen Monaten verlor Blau-Weiß zunehmend an Unterstützung. Noch wenige Tage vor seinem Rückzug hatte Gantz erklärt, bis zum Ende des Wahlkampfes antreten zu wollen. Medienberichten zufolge nahm jedoch der Druck auf ihn zu, seine Kandidatur zurückzuziehen, um eine Verschwendung von Stimmen zu verhindern.
Siehe: Israelische Wahlen 2026 – Das ist die Knesset – Benny Gantz
Denn Stimmen für Parteien, die an der Sperrklausel scheitern, werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Gerade bei einem knappen Wahlausgang können solche verlorenen Stimmen entscheidend dafür sein, welches politische Lager anschließend eine Regierungsmehrheit bilden kann.
Der Rückzug wurde deshalb von mehreren Oppositionspolitikern begrüßt, darunter der Vorsitzende der Partei Yashar, Gadi Eisenkot. Gleichzeitig löste die Entscheidung auch innerhalb des rechten politischen Lagers Diskussionen über kleinere Parteien aus, die möglicherweise ebenfalls an der Sperrklausel scheitern könnten. Wie die Jerusalem Post berichtet, wurden auch dort Forderungen laut, aussichtslose Kandidaturen zurückzuziehen.
Welche Partei letztlich am stärksten vom Rückzug von Gantz profitieren wird, ist noch offen. Seine bisherigen Anhänger könnten sich auf mehrere Parteien verteilen. Als mögliche Nutznießer gelten insbesondere Parteien des politischen Zentrums, darunter Yashar unter Eisenkot.
Für Gantz bedeutet die Entscheidung nicht zwangsläufig das Ende seiner politischen Tätigkeit. Er machte deutlich, dass er weiterhin für seine Vorstellungen einer nationalen Einheitsregierung eintreten wolle. Für die israelische Parteienlandschaft ist sein Rückzug dennoch ein Einschnitt: Ein Politiker, der vor wenigen Jahren noch als möglicher Ministerpräsident galt, verlässt kurz vor der Wahl das Rennen – mit möglicherweise entscheidenden Folgen für die Regierungsbildung nach dem 27. Oktober.




