Nach den turbulenten Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr wird Tel Aviv in diesem Herbst erneut Schauplatz öffentlicher Jom-Kippur-Gebete sein – diesmal offiziell genehmigt und unter klaren Auflagen. Erstmals wird die orthodoxe NGO Rosh Yehudi, die sich seit Jahren bemüht, religiöses Judentum in der säkular geprägten Metropole sichtbar zu machen, ihre Gebete im Meir-Park abhalten dürfen. Die Stadtverwaltung Tel Aviv–Jaffa erteilte dafür am Donnerstag die Erlaubnis, wie das Nachrichtenportal Ynet berichtete.
Rosh Yehudi – auf Hebräisch „Jüdischer Kopf“ – sieht sich als Brücke, um Menschen in Tel Aviv einen Zugang zur jüdischen Tradition zu ermöglichen. Doch in der „liberalen Hauptstadt“ Israels stößt dieses Engagement regelmäßig auf Widerstand. Nicht selten kommt es zu hitzigen Debatten darüber, ob der öffentliche Raum für religiöse Ausdrucksformen wie getrennte Gebete genutzt werden darf.
Die jetzt angekündigten Gebete sollen am Vorabend von Jom Kippur, am 1. Oktober, von 17:30 bis 21 Uhr stattfinden. Am Tag selbst, dem 2. Oktober, wird von 17 bis 19 Uhr gebetet. „Wir erwarten ein großes und ruhiges Gebet, im Einklang mit der Genehmigung der Stadtverwaltung und der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs“, erklärte Rosh-Yehudi-Vorsitzender Israel Zeira. Und weiter: „Wir laden die Anwohner zu einem verbindenden und erhebenden Gebet ein, als ein Mensch mit einem Herzen.“
Der Streit um geschlechtergetrennte Gebete im öffentlichen Raum hat eine lange Vorgeschichte. Im Juli wurde beim Obersten Gerichtshof eine Petition eingereicht, die sich gegen ein früheres Urteil richtete, das genau diese Praxis am Jom Kippur erlaubt hatte. Die Kläger warnten vor einer „schiefen Bahn“: Wenn man einmal damit beginne, könnten Kommunen auch für andere geschlechtergetrennte Veranstaltungen Räume freigeben. Doch der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Yitzhak Amit, wies diese Befürchtung zurück.
Die Kontroverse wurzelt noch in den Jahren der Corona-Pandemie. Als Versammlungen in Synagogen verboten waren, verlagerten viele Juden ihre Gebete nach draußen – und zahlreiche säkulare Israelis schlossen sich spontan an. Diese Tradition setzte sich auch nach dem Ende der Einschränkungen fort. 2023 wurde auf dem Dizengoff-Platz in Tel Aviv ein großer Gottesdienst abgehalten. Doch was friedlich begann, endete im Chaos: radikale Säkularisten störten die Zeremonie, zerrissen Schriften und rissen die Trennwände nieder, die die Teilnehmer zwischen Männern und Frauen errichtet hatten.

Die Bilder gingen durchs Land und machten die wachsende Spaltung sichtbar – zwischen Religiosität und Säkularität, zwischen Tradition und Moderne. Der Vorfall wurde zu einem Symbol für die tiefe Polarisierung in der israelischen Gesellschaft.
Ein Jahr später hob der Oberste Gerichtshof ein Urteil des Bezirksgerichts Tel Aviv auf, das die Stadtverwaltung in ihrem Verbot bestärkt hatte. Während die Stadt erklärte, geschlechtergetrennte Veranstaltungen seien diskriminierend, hielten die Kläger das Gegenteil für richtig: Ein Verbot sei antijüdisch, ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit – und noch dazu widersprüchlich, da ähnliche getrennte Veranstaltungen bei Muslimen ohne Widerspruch möglich seien.
Der Oberste Gerichtshof stellte schließlich klar, dass getrennte Gebete am Jom Kippur im Einklang mit jüdischer Tradition stehen und erlaubt sein müssen. Als Kompromiss empfahl er jedoch, die Veranstaltung nicht am symbolträchtigen Dizengoff-Platz, sondern im nahegelegenen Meir-Park abzuhalten.
Trotz dieses rechtlichen Erfolges verzichtete Rosh Yehudi im vergangenen Jahr auf den öffentlichen Gottesdienst. Die Angst vor erneuten Ausschreitungen war zu groß. „Obwohl das Gericht zu unseren Gunsten entschieden hat, und angesichts der Befürchtung von Unruhen, wird Rosh Yehudi die Gebete in der Synagoge in der Bar-Kochba-Straße 54 abhalten“, erklärte die Gruppe damals.
Nun wagt man also einen neuen Anlauf – mit der ausdrücklichen Unterstützung der Stadtverwaltung. In einer Stellungnahme gegenüber JNS erklärte die Stadtverwaltung Tel Aviv–Jaffa am Donnerstag: „Wie in der Genehmigung festgehalten, wurde sie in Übereinstimmung mit dem letztjährigen Urteil des Obersten Gerichtshofs erteilt, das dem Verein Rosh Yehudi ein geschlechtergetrenntes Gebet im Meir-Park erlaubte. Die Stadtverwaltung respektiert selbstverständlich Gerichtsurteile. Wir hoffen, dass das Gebet in einer Weise stattfinden wird, die alle Seiten respektiert.“




