Was hinter den Pro-Bibi-Demonstrationen steckt

Die Demonstrationen, die mit einigen Hundert begonnen haben und jetzt einige Tausend umfassen, bedeuten viel mehr als nur die Unterstützung für Netanjahu.

von Tsvi Sadan |
Pro Netanjahu Demo Foto: Tomer Neuberg/Flash90

Pro-Netanjahu-Demonstrationen, die sich spontan vor zwei Wochen in der Stadt Petah Tikvah, nicht weit entfernt von der Wohnung des Generalstaatsanwalts Avichai Mandelblit, formiert haben, fordern nicht nur den Platz zurück, der seit mehr als anderthalb Jahren von Anti-Netanjahu-Demonstranten besetzt ist. Diese Demonstrationen, die mit einigen Hundert begonnen haben und jetzt einige Tausend umfassen, bedeuten viel mehr als nur die Unterstützung für Netanjahu. Sie sind ein klares Signal der rechten Wählerschaft: Man hat genug von der herablassenden Haltung, die linke Politiker, Journalisten, Justizbeamte und Akademiker ihnen gegenüber immer wieder zum Ausdruck bringen.

Gadi Taub, ein Hauptredner der zweiten Demonstration, die am 12. Oktober stattgefunden hat, erklärte den Grund für diese Demonstrationen: „Wir kamen hierher, um zu sagen, dass wir Gleichheit vor dem Gesetz verlangen und die selektive Rechtsstaatlichkeit im Dienst der linken Agenda ablehnen.“ Taub, ein Historiker, der derzeit an der Hebräischen Universität lehrt, ist ein ehemaliger Linker, der in den letzten Jahren an Popularität gewonnen hat, anfangs über die sozialen Medien, wegen seiner Fähigkeit, seine Kritik an der Linken in einfache Worten fassen zu können, was auf seinem umfassenden Wissen über Prozesse basiert, die sie zum Progressivismus gemacht haben.

Taub bringt die Auffassung vieler Rechter zum Ausdruck, die inzwischen völlig davon überzeugt sind, dass Netanjahus angebliche Kriminalität und mögliche Anklage nichts mit Rechtsstaatlichkeit oder Korruption zu tun haben. Stattdessen wird der Versuch, ihn zum Kriminellen zu machen, als Versuch der ansonsten nicht wählbaren Linken gesehen, die rechtsstaatliche Herrschaft mit undemokratischen Mitteln zu stürzen, die viele Formen annehmen, einschließlich subversiver Aktivitäten von NGOs, der Produktion von Fake-Crimes, Fake-News und einem erbarmungslosen Rufmord, der seit dem Wahlsieg des Likud im Jahr 1977 andauert und seit Netanjahus Amtsantritt im Jahr 1996 noch hartnäckiger geworden ist. Die Angriffe auf Netanjahu, so die gängige Rechtsauffassung, sind ein Angriff auf alles, wofür die Rechte steht, unter anderem so wichtige Themen wie den jüdischen Staat und die Zukunft von Judäa und Samaria.

Aber vielleicht ist das Einzige, was die Rechten am meisten verletzt, die herablassende, bösartige Haltung der aschkenasischen israelischen intellektuellen Elite gegenüber der rechten Wählerschaft, bei der es sich größtenteils um sephardische und traditionelle Juden handelt. Diese Leute, die als „Paviane“, „Herde“ und „Vieh“ bezeichnet wurden, scheinen genug von diesen unangefochtenen an Rassismus grenzenden Vorurteilen zu haben.

So pro-Bibi die meisten dieser Demonstrationen auch eindeutig sind, signalisieren sie jetzt etwas Neues. Die selbstgefällige Rechte hat genug vom tatenlosen Rumsitzen. Es ist an der Zeit, die verlorene Ehre der rechten Wählerschaft zurückzufordern, die viel zu lange von ihren politischen Rivalen mit Füßen getreten wurde.

Es gibt wahrscheinlich nichts Besseres, diese Veränderung zu kennzeichnen, als die Haltung gegenüber dem führenden Journalisten Amnon Abramovich, der Netanjahu seit 1996 im Visier hat. Trotz seiner jahrzehntelangen anti-Bibi-Kommentare und -Berichte schützten ihn bislang seine schweren Verletzungen aus dem Jom-Kippur-Krieg vor scharfer Kritik, da niemand in Israel seine verwundeten Soldaten in irgendeiner Weise verletzen möchte.

Aber dieser Schutz ist angesichts zweier Kommentare von Abramovichs völlig verflogen, sie haben das Faß zum Überlaufen gebracht. Am 10. Oktober bezeichnete er die Rechten als „Eingeborene“, was zu Recht als abwertend empfunden wurde. Daraufhin schrieb der rechtsextreme Aktivist Ran Karmi Buzaglo auf seinem Facebookkonto: „Jetzt nennt er uns ‚Eingeborene‘. Kleiner verachteter Mann, der seine Plattform dafür nutzt, Chaos zu verbreiten … und wenn Gott es verbietet, würden Sie es wagen, ihn zu kritisieren … die Medien Junta wird dich dafür aufhängen.“ Die Empörung hat zu einer Petition geführt, die die Entlassung Abramovichs vom TV-Kanal 12 fordert und die rechten Wähler auffordert, den Kanal 12 zu boykottieren.

Der zweite Aufschrei folgte nach Abramovichs letztem Auftritt in der 18-Uhr-Nachrichtensendung von Oded Ben Ami, einer ebenfalls bekannten Anti-Bibi-Medienpersönlichkeit. Die beiden, die über das mögliche Ende von Netanjahus Ära diskutierten, beendeten ihr Gespräch damit, dass Ben Ami in fröhlicher Stimmung „schnell und sehr bald! Und sagt Amen“ rezitierte (baAgala uwi Sman kariw weimeru Amen). Diese Klausel ist Teil des Kaddisch, eines höchst heiligen Gebets, das auch im Namen des Verstorbenen gesprochen wird. Abramovich antwortete, indem er es enthusiastisch mit einem durchschlagenden „Amen“ wiederholte. Diese Episode wurde nicht nur als geschmackloses Sakrileg empfunden, es wurde als ein Todeswunsch für Netanjahu verstanden. In einem bestimmten verärgerten Facebook-Post, der meines Erachtens die Gefühle vieler zum Ausdruck bringt, schreibt Gila Avidan: „Ihr beide [Ben Ami und Abramovich] habt Kaddisch im Namen eines Premierministers gesagt, während er noch am Leben ist. Ihr habt einen Premierminister in einer Live-Sendung begraben.“

Infolgedessen fordern Facebook-Benachrichtigungen für die Petah-Tikvah-Demonstration, die für diesen Donnerstag geplant ist, bereits den Rücktritt von Abramovich vom Fernsehsender 12, aber nicht bevor er sich entschuldigt. Ein Post ruft sogar dazu auf, gegen Abramovich und Ben Ami wegen Anstiftung strafrechtlich vorzugehen.

Ob die Demonstrationen in Petah Tikvah weiteren Rückenwind bekommen werden, ist noch nicht abzusehen. Ungeachtet dessen ist mittlerweile ziemlich klar, dass diese Demonstrationen eine echte Unruhe widerspiegeln, die durch weitaus größere Dinge als Benjamin Netanjahu verursacht wurde.

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