Wer in einem religiösen Stadtteil in Israel lebt, kann sich täglich an der Ansicht vieler Rabbiner erfreuen, die durch die Straßen laufen und über die Thora sprechen. Meine Nachbarn hier in Bet Shemesh sind ältere indische Juden, deren Tochter einen Briten geheiratet hat, der wiederum ein großer Gelehrter ist, der nicht nur über die Thora spricht, sondern seine Auslegungen sogar ausdruckt und an alle verteilt, die er auf der Straße trifft.
Auch mir hat Rabbi Yehonasan Geffen ein Blatt seiner „Dwar Tora – ein Wort über die Thora“ in die Hand gedrückt und ich möchte seine Gedanken hier zusammengefasst wiedergeben.
An diesem Schabbat lesen wir den letzten Abschnitt der Thora, Wesot Habracha, in der Mosche die Stämme Israels segnet und dann stirbt.
Die Thora schließt ihren jährlichen Zyklus mit einer ergreifenden Trauerrede für Mosche Rabbeinu (wir nennen ihn „Mosche unseren Lehrer“), die mit einem Lob auf „die starke Hand und die gewaltige Kraft, die Mosche vor den Augen ganz Israels vollbrachte“ endet. Rabbi Shlomo Yitzhaki („Raschi“), ein Gelehrter im 11. Jahrhundert, zitiert einen Midrasch (Auslegung religiöser Texte) und erklärt, der Ausdruck „vor den Augen ganz Israels“ beziehe sich auf Mosches Entscheidung, die Gesetzestafeln, die er gerade am Berg Sinai erhalten hatte, vor dem gesamten jüdischen Volk zu zerbrechen.
Warum wählt die Thora ausgerechnet diese eine Tat unter all den großen Taten Mosche Rabbeinus als die vielleicht größte von allen heraus? Rabbi Ateret Mordechai bietet eine tiefgründige Einsicht zur Beantwortung dieser Frage. Mosche hatte über viele Jahre hinweg große Anstrengungen unternommen, um das jüdische Volk aus der Sklaverei in Ägypten herauszuführen und bis zur Übergabe der Thora zu bringen, und nun hatte er gerade vierzig Tage ohne Essen und Trinken verbracht, um die Tafeln für das jüdische Volk zu erhalten.
Als er vom Berg zurückkehrte und sah, wie das Volk das Goldene Kalb anbetete, erkannte er, dass sie noch nicht reif waren, die Tafeln zu empfangen, und dass er sie zerstören musste. Man kann sich gut vorstellen, was für eine Prüfung es gewesen sein muss, all die Mühe und Energie aufzugeben, die er investiert hatte, um diesen Moment zu erreichen. Er hätte sich sicherlich sagen können, dass das Volk die Tafeln zwar jetzt nicht verdiente, sich die Lage aber vielleicht bald ändern würde und es nicht notwendig sei, sie sofort zu zerstören. Doch Mosche tat dies nicht; er bewies große Integrität und intellektuelle Ehrlichkeit, indem er die Tafeln zerschlug – weil dies die richtige Vorgehensweise war.
Sehr oft im Leben geraten wir in ähnliche Situationen wie Mosche Rabbeinu – wir investieren Zeit oder Energie in etwas und stehen dann vor der Möglichkeit, dass wir einen Fehler gemacht haben und von vorne beginnen müssen, dass es eine neue Wendung gegeben hat, die unseren ursprünglichen Standpunkt hinfällig macht. In solchen Fällen ist die Versuchung groß, stur zu bleiben und entgegen besserem Wissen an unserem ursprünglichen Plan festzuhalten. Es fällt sehr schwer zuzugeben, dass wir uns geirrt haben oder von vorne beginnen müssen, nachdem wir so viel Mühe in etwas gesteckt haben. Und vielleicht ist der schwierigste Aspekt daran, das, was wir bereits aufgebaut haben, wieder einzureißen. Wir zeigen damit, dass wir einen Fehler gemacht haben – es fällt Menschen extrem schwer, zuzugeben, dass ihre Meinungen, ihr Lebensstil oder ihre Einstellung falsch sind. Tatsächlich ist einer der Hauptfaktoren, der nicht-religiöse Menschen daran hindert, ihren Lebensstil zu ändern, dass dies bedeuten würde, zuzugeben, dass ihr gesamtes bisheriges Leben auf einem Irrtum beruhte.
Rabbi Chaim Shmuelevitz führt ein Beispiel aus der Bibel an, wie ein Mensch so in seinen Gewohnheiten verhaftet sein kann, dass er sich selbst unter größtem Druck nicht ändern kann. Nach der Zerstörung Jerichos verhängte Josua einen Fluch über jeden, der die Stadt wieder aufbauen würde. Zur Zeit Ahabs beschloss ein Mann namens Chiel, sich dem Fluch zu widersetzen und Jericho wieder aufzubauen. Als er den ersten Stein legte, starb sein Erstgeborener, und während er weiterbaute, starben seine Söhne einer nach dem anderen, bis schließlich, als er die Stadt vollendet hatte, auch sein jüngster Sohn starb. Wie kann ein Mensch so töricht sein, einen Weg weiterzugehen, der ihm Leid verursacht?! Rav Shmueleviz antwortet darauf, dass er so sehr von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt war, dass er nicht zugeben konnte, im Unrecht zu sein, und es vorzog, alle seine Söhne zu begraben, anstatt einzuräumen, dass er sich geirrt hatte!
Im Gegensatz dazu zeigt der Talmud ein Beispiel für die Größe, die darin liegt, seine Fehler einzugestehen. Rabbi Schimon HaAmsoni pflegte jedes Wort „et“ in der Tora so zu erklären, dass es dem erwähnten Gegenstand eine sekundäre Bedeutung verleiht. Zum Beispiel gibt es im Gebot, die Eltern zu ehren, ein „et“, aus dem er die Einbeziehung älterer Geschwister ableitete, und folglich muss ein Mensch seine älteren Geschwister ebenso ehren wie seine Eltern.
(Kabéd et-avícha ve-ét imécha – Ehre deinen Vater und deine Mutter)
Als er jedoch zu dem Vers „Et Hashem Elokecha tira – Fürchte Gott deinen Herrn“ kam, konnte er keinen zweiten Adressaten für die Ehrfurcht finden, die wir vor Gott empfinden müssen. Daraufhin zerstörte er sein Buch, an dem er jahrelang gearbeitet hat. Seine Schüler fragten ihn: „Was wird aus all den Fällen, in denen du das Wort ‚et‘ erklärt hast?“ Er antwortete: „So wie ich dafür belohnt wurde, sie zu erläutern, so werde ich nun dafür belohnt, sie aufzugeben.“
Später kam Rabbi Akiva und lehrte, dass das „et“ in dem Vers uns lehrt, dass ein Mensch Gott und auch die Bibel-Gelehrten fürchten muss. Seine Theorie war also nicht falsch.
Der Alter von Kelm hebt die Größe des Rabbi Schimon hervor, der nicht zögerte, die Theorie aufzugeben, an der er sein ganzes Leben lang festgehalten hatte, als er spürte, dass er sie nicht länger rechtfertigen konnte. Darüber hinaus lehrte er seinen Schülern eine unschätzbare Lektion – dass das Aufgeben seiner Theorie ebenso groß war wie all das Erforschen und Erklären, das er sein ganzes Leben lang geleistet hatte!
Diese Lektion steht in engem Zusammenhang mit dem Tag von Simchat Thora, mit dem „Wesos Habracha“ jedes Jahr zusammenfällt. Wir schließen die Thora ab und beginnen dann sofort wieder von vorne, indem wir die ersten Verse des ersten Wochenabschnitts Bereschit lesen. Dies deutet darauf hin, dass wir, obwohl wir die gesamte Thora durchgelesen haben, nicht das Gefühl haben sollten, dass wir sie nicht noch einmal wiederholen müssten. Wir können sie neu lernen und neue Einsichten gewinnen, die manchmal sogar unserem gegenwärtigen Verständnis widersprechen, und wir sollten uns nicht schämen, zuzugeben, wenn wir uns geirrt haben. Dies gilt nicht nur für das Verständnis der Thora, sondern auch für unsere Lebenseinstellung – wenn wir feststellen, dass ein Teil unserer Lebenseinstellung nicht ganz mit der Bibel übereinstimmt, müssen wir bereit sein, ehrlich zu prüfen, wie wir sie ändern können.
Rabbi Frand weist darauf hin, dass auf diesen Gedanken auch in der Hochzeitszeremonie angespielt wird. Es ist Brauch, dass der Bräutigam während der Zeremonie ein Glas zerbricht, und die meisten Kommentatoren erklären, dies sei eine Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. Rabbi Frand merkt jedoch an, dass es einen Kommentator gibt, der diesen Brauch mit dem Zerbrechen der Gesetzestafeln in Verbindung bringt. Warum müssen wir bei einer Hochzeit an dieses Ereignis erinnert werden? Er antwortet, dies diene vielleicht dazu, dem neuen Paar zu lehren, dass sie, damit ihre Ehe funktioniert, danach streben müssen, dem Beispiel Mosche Rabbeinus beim Zerbrechen der Tafeln zu folgen.
Damit eine Ehe funktioniert, müssen sowohl Ehemann als auch Ehefrau bereit sein, mit großer Ehrlichkeit zu handeln und ihre Fehler einzugestehen, anstatt auf ihrem Stolz zu beharren. Beide müssen bereit sein, ihre vorgefassten Meinungen und Vorurteile aufzugeben und nach der Wahrheit zu streben. Das sind keine einfachen Anforderungen, aber wenn wir sehen, dass Mosche bereit war, das Wertvollste auf der Welt zu zerbrechen, weil es das Richtige war, dann können auch wir sicherlich bereit sein, Veränderungen vorzunehmen, wenn es eindeutig der Wille Gottes ist.




