Israels verborgenes Schlachtfeld

Es hat mehr Leben gefordert als alle Kriege und Terroranschläge zusammen, wird aber weitaus weniger beachtet.

Unfall
Gershon Elinson/Flash90

Wenn Sie schon einmal mit dem Auto in Israel unterwegs waren, ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass die Fahrkultur hier etwas aggressiver ist, wenn nicht sogar schlichtweg rücksichtslos. Wenn man sich die statistischen Daten ansieht, kann man mit Sicherheit sagen, dass der israelische Fahrer Staatsfeind Nummer eins ist. Das Folgende sind einige Zahlen, um diese Aussage in einen Kontext zu setzen.

Am vergangenen Wochenende veröffentlichte die zentrale Statistikbehörde ihre alarmierenden Ergebnisse. Sie gab an, dass allein im Monat Juli 1.782 Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt wurden, von denen wiederum 32 Menschen bei 27 Unfällen mit tödlichem Ausgang ums Leben kamen. Die Statistikbehörde stellte fest, dass es im Juli 982 Verkehrsunfälle mit Verletzten gab, von denen bei 151 Verkehrsunfällen 168 Menschen schwer verletzt wurden. Von Januar bis Juli kamen insgesamt 193 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben – ein deutlicher Anstieg von 11,6 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Und das sind nicht nur trockene Zahlen. Ein Autounfall erschütterte vor einiger Zeit die gesamte messianisch-jüdische Gemeinde hier in Israel, als Rodrigo und Sophie Rosetsky zusammen mit ihrem neugeborenen Sohn bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben kamen und ihre 2-jährige Tochter verwaist zurückließen. Über diesen Vorfall wurde landesweit in den Medien berichtet.

Dies ist ein ernstes Problem in Israel. Um es ins rechte Licht zu rücken: Seit der Gründung des Staates Israel sind mehr als 30.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Dies sind mehr Opfer als in allen Kriegen und Terroranschlägen zusammen (!), was die Straße zu einem Schlachtfeld macht, über das die Medien wenig sprechen.

Nach Angaben der israelischen Polizei sind die Hauptursachen für die schweren Unfälle: Missachtung von Ampeln, Verlassen der Fahrspur (meistens illegale Versuche, eine durchgehende weiße Linie zu überqueren), Nichtbeachtung der Vorfahrt, Nichteinhaltung des Abstands, überhöhte Geschwindigkeit im Verhältnis zum Straßenzustand (im Gegensatz zu unzulässiger Geschwindigkeit) und das Versäumnis, Fußgängern die Vorfahrt zu gewähren. Ungefähr ein Drittel der Unfallopfer sind Fußgänger, von denen die meisten beim Überqueren eines markierten Zebrastreifens erfasst wurden.

Israel hat ungefähr 15 Todesfälle pro 100.000 Fahrzeuge; eine Statistik, die höher ist als die der meisten westeuropäischen Länder.

Die meisten Fahrer sind mit der israelischen Fahrkultur unzufrieden und bezeichnen sie als problematisch, gekennzeichnet durch Ungeduld, Aggression und sorgloses, lebensbedrohliches Fahren. In dieser Hinsicht akzeptieren die meisten Fahrer die Straße als Sinnbild für ein Schlachtfeld, nur für sich selbst sehen sie in der Straße jedoch keine Gefahr.

Laut den Ergebnissen einer Studie von Dr. Lipez Shamu-Nir und Dr. Uri Dorchin von der Abteilung für Verhaltenswissenschaften an der akademischen Hochschule in Tzfat zeigen die Fahrer eine grundsätzlich positive Einstellung zum Gesetz, sie neigen aber in einigen Fällen dazu, die Vorschriften zu ignorieren. In den Fällen, in denen der Fahrer beschließt, gegen das Gesetz zu verstoßen, rechtfertigt er seine Maßnahme, gegen die Ordnung zu verstoßen, manchmal als „logisches und notwendiges Vorgehen“. Die Haltung des israelischen Fahrers gegenüber anderen Fahrern auf der Straße ähnelt seinem Sozialverhalten außerhalb des Straßenverkehrs, das ultimative Ziel ist: „Hauptsache, kein Looser sein”. Die Haltung des Fahrers gegenüber den Polizeibeamten ist nicht positiv, da er sie als inkompetent und/oder professionell unfähig ansieht.

Die Regierung und private Organisationen wie Or Yarok (hebr. für „grünes Licht“) arbeiten daran, die Zahl der Opfer und Unfälle zu verringern. Seit den 70er Jahren ist ein stetiger Rückgang zu verzeichnen, jedoch muss in dieser Hinsicht noch mehr Arbeit geleistet werden. Fehler sind unvermeidlich, da sich alle Menschen irren, aber das israelische Zauberwort ist Savlanut (hebr. für „Geduld“). Das Problem beginnt mit dem Herzen, die israelische Gesellschaft muss lernen, höflich zu sein, sowohl auf der Straße als auch nicht auf der Straße. Bis die israelische Hi-Tech-Technologie autonome Autos vollständig integriert, müssen wir uns für Geduld und Aufmerksamkeit entscheiden und andere dazu auffordern, dasselbe zu tun – 5 Minuten Zeit auf dem Weg zu verlieren und dafür ein Leben zu retten, ist ein lohnendes Opfer.

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