Die Tragödie des palästinensischen Ehrenmordes

Hunderttausende von Muslimen aus der ganzen arabischen Welt protestieren gegen die Ermordung eines 21-jährigen palästinensischen Mädchens namens Asra’a Gharib aus Bethlehem.

Es sieht aus wie ein Ehrenmord. Das Mädchen wurde von Angehörigen ihrer eigenen Familie ermordet, weil sie ein Instagram-Foto mit ihrem Verlobten hochgeladen hat. Ihre Verwandten erzählen widersprüchliche Versionen von dem, was passiert sein soll. Zuerst sagten sie, dass das Mädchen von einem Dämon besessen war, und dann, dass sie depressiv war und Selbstmord beging. Videoaufzeichnungen, die sie weinend zeigten, während sie wiederholt geschlagen wurde, kamen an die Öffentlichkeit. Bereits ermordet wurde Asra’a nach schweren Schlägen ins Krankenhaus eingeliefert. Nachdem eine Untersuchung über die Schläge eingeleitet wurde, wurde das Mädchen einige Tage später für tot befunden, und ihre Familie behauptete dann, sie sei an einem Schlaganfall gestorben.

Die arabische Welt befindet sich nach diesem Mord in Aufruhr und viele fordern Reformen in der Bildung und Gleichstellung von Frauen und Männern. Viele Berühmtheiten äußern sich besorgt über den Mord, der viel Aufmerksamkeit auf das Thema “Ehrenmorde” in der muslimischen Welt gelenkt hat.

Der schockierende Mord bringt das Thema der allgemeinen Gewalt gegen Frauen in der arabischen Welt erneut zur Sprache. Tatsächlich werden jedes Jahr in der arabischen und muslimischen Welt Hunderte von Frauen ermordet, ganz zu schweigen von Tausenden Verletzten, nur weil sie in den Augen ihrer Angehörigen einen Fehler begangen haben. Diejenigen, die die “Würde der Familie” schädigen, sind zum Tode verurteilt und werden von Familienmitgliedern ermordet, die das Gefühl haben, ihre Selbstachtung wurde verletzt und dass sie nur durch die Tötung des “Sünders” die Schande sühnen und die Achtung ihrer Familie wiederherstellen können.

Selbst eine lebenslange Haftstrafe für diese “Ehrenmorde” ist für die Mörder keine ausreichende Abschreckung. In der Sicht einiger arabischer Muslime ist es besser, jahrzehntelang im Gefängnis zu leben, als mit der vermeintlichen Schande (El’ar) der “entehrten” Familie zu leben. Mord sollte niemals gerechtfertigt werden, doch das Absurde ist, dass diese Frauen manchmal allein wegen des Verdachts auf Fehlverhalten ermordet werden. Und nicht nur das, sondern deren Glauben zufolge wird die Frau nur durch ihren Tod Erlösung für die Sünden finden, die sie in ihrem Leben begangen hat.

Fast alle “Ehrenmorde” sind Frauen. In der arabischen Gesellschaft repräsentiert die Frau die Ehre der Familie. Jedes Verhalten, das mit ihren Werten nicht vereinbar ist, schadet der Würde der Familie. In vielen Fällen in der arabischen Welt wurden vergewaltigte Frauen anschließend von ihren Angehörigen ermordet, weil sie nicht “für sich selbst gesorgt” hätten. Darüber hinaus gibt es viele Fälle, in denen Frauen vergewaltigt wurden, die aber aus Angst vor den fatalen Folgen nie der Polizei gemeldet wurde. Manchmal ereigneten sich diese Vergewaltigungen sogar innerhalb der Familie.

Nach Angaben von Frauenorganisationen wurden seit Anfang des Jahres in den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde 18 Frauen durch “Ehrenmorde” getötet. In den letzten Tagen sind Frauen der palästinensischen Gemeinschaft zum Protest gegen die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah vorgetreten, um gegen den Mord zu protestieren und die Verhaftung der Mörder von Asra’a, sowie die Änderung des Gesetzes zu fordern, das in Sonderfällen den Mord an Frauen nicht verurteilt. Die Demonstranten forderten unter anderem Gesetze zum Schutz der Familie und insbesondere der palästinensischen Frauen. Aufgrund des öffentlichen Drucks hat die palästinensische Polizei drei Personen verhaftet. Zweifelsohne spielen soziale Netzwerke eine Rolle bei der Sensibilisierung für diese Themen und erzeugen einen großen Druck auf die Verantwortlichen der palästinensischen Behörde. Im Internet und in der palästinensischen und arabischen Presse wurden in den letzten Tagen Dutzende von Karikaturen gegen die Ermordung von Asra’a veröffentlicht. Noch vor wenigen Jahren wäre dieser Mord unbemerkt vorübergegangen, doch heute sieht die Situation vor allem aufgrund der Macht des Internets und der sozialen Medien anders aus.

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