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Die Türkei entwickelt sich zum neuen strategischen Rückzugsort der Hamas

Nach der Zerschlagung der militärischen Infrastruktur der Terrororganisation im Gazastreifen hat sich ihre externe Führung in Istanbul konsolidiert. Das wirft neue Fragen über die Rolle der Türkei und die Terrorismusbekämpfungsstrategie des Westens auf.

Hamas-Führer Khalil al-Hayya in Teheran. Bildnachweis: Khamenei.ir, CC0, via Wikimedia Commons

(Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs) Die Hamas hat ihren organisatorischen Schwerpunkt in die Türkei verlagert und damit einen jahrelangen Trend des Rückbaus ihrer Präsenz dort umgekehrt. Dies geht aus einem Bericht der in London ansässigen Zeitung Asharq Al-Awsat vom 9. Juli hervor, der sich auf Hamas-Quellen beruft. Jüngste Treffen, organisatorische Aktivitäten und öffentliche Erklärungen der Hamas deuten darauf hin, dass die Türkei heute eine zentrale Rolle für die Organisation spielt.

Gleichzeitig veröffentlichte die Hamas Erklärungen, in denen sie zwei Terroranschläge in Syrien verurteilte und sich mit den Opfern solidarisch zeigte. Dies wurde weithin als Teil ihrer Bemühungen interpretiert, engere Beziehungen zur neuen syrischen Führung unter Präsident Ahmed al-Sharaa aufzubauen.

Dem Bericht zufolge war der deutlichste Hinweis auf die wachsende Abhängigkeit der Hamas von der Türkei die Entscheidung, die internen Wahlen zum Vorsitz des Politbüros der Bewegung im vergangenen Mai in Istanbul abzuhalten.

Die Abstimmung endete zunächst ohne eindeutigen Sieger. In einer Stichwahl zwischen Khaled Mashaal und Khalil al-Hayya setzte sich schließlich al-Hayya als neuer Hamas-Führer durch. Führende Hamas-Vertreter erklärten gegenüber Asharq Al-Awsat, dass Führungstreffen und interne Wahlen, die zuvor in Doha in Katar stattfanden, inzwischen in der Türkei abgehalten werden.

In den vergangenen Jahren hatten die türkischen Sicherheitsdienste wiederholt die Aufdeckung angeblicher Mossad-Spionagenetzwerke in der Türkei bekanntgegeben. Türkische Medien berichteten, dass sich ein Teil dieser Aktivitäten auf die Überwachung von Hamas-Mitgliedern und der Organisation im Land konzentriert habe.

Israel fordert seit Jahren, dass die Türkei hochrangige Hamas-Funktionäre ausweist, darunter Terroristen, die im Rahmen des Gefangenenaustauschs für Gilad Schalit im Jahr 2011 freigelassen wurden. Der bekannteste unter ihnen war Saleh al-Arouri, stellvertretender Leiter des Hamas-Politbüros, der zwischen 2011 und 2015 in der Türkei lebte, bevor er in den Beiruter Stadtteil Dahiyeh zog. Dort wurde er im Januar 2024 bei einem israelischen Angriff getötet.

Bruch mit Katar?

Hamas-Quellen erklärten, die meisten führenden Funktionäre hielten sich inzwischen über längere Zeiträume in der Türkei auf, auch wenn ihre Familien weiterhin in Katar lebten. Aktuelle Treffen – darunter Beratungen über Waffenstillstandsverhandlungen und interne Angelegenheiten – fänden inzwischen in der Türkei statt.

Im vergangenen September führte Israel einen Luftangriff auf ein Treffen hochrangiger Hamas-Funktionäre in Doha durch. Während die Hamas erklärte, ihre Führungsmitglieder hätten den Angriff überlebt, wurden Berichten zufolge fünf ihrer Aktivisten sowie ein katarischer Sicherheitsbeamter getötet.

Ein hochrangiger Hamas-Funktionär sagte der Zeitung: „Dies ist nicht das Ergebnis einer Krise mit Katar. Der Umzug soll den Druck auf Doha verringern, der aus amerikanischen Forderungen resultiert, die auf israelisches Drängen zurückgehen und den Ausschluss der Hamas-Führung aus Katar verlangen.“ Ein weiterer Hamas-Vertreter betonte, die Beziehungen zur katarischen Führung seien weiterhin stark und stabil.

Nach Angaben von Hamas-Vertretern sei die Türkei nach dem israelischen Angriff auf Hamas-Funktionäre in Doha zu einem sichereren Ziel geworden. „Zumindest vorerst“, argumentierten sie, „kann Israel Ziele in der Türkei nicht mit seiner Luftwaffe angreifen. Selbst wenn gezielte Tötungen mit anderen Mitteln versucht würden, seien die operativen Möglichkeiten Israels dort deutlich eingeschränkter.“

Sie fügten hinzu, die anhaltenden Spannungen zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten hätten das Sicherheitsumfeld in Katar verwundbarer gemacht. Israel könne dies möglicherweise ausnutzen, um Hamas-Führer anzugreifen, wie es bereits in der Vergangenheit geschehen sei. Zwar habe Israel der Regierung von Präsident Donald Trump Berichten zufolge zugesichert, solche Operationen nicht zu wiederholen, doch gebe es nach Ansicht der Hamas keine Garantie dafür.

Gleichzeitig bemüht sich die Hamas darum, ihre Beziehungen zur syrischen Führung wieder aufzubauen. Ein hochrangiger Hamas-Funktionär erklärte, die Aufnahme von Kommunikationskanälen zur syrischen Regierung sowie zu arabischen, islamischen und internationalen Akteuren sei ein natürlicher Schritt für eine nationale Befreiungsbewegung, die normale Beziehungen zu allen Staaten auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, gemeinsamer Interessen und der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anstrebe.

Istanbul wird zum strategischen Zentrum der Hamas

Führende israelische Sicherheitsvertreter erklären, der seit dem 7. Oktober 2023 andauernde Krieg „Eiserne Schwerter“ habe nicht nur die militärischen Fähigkeiten der Hamas im Gazastreifen grundlegend verändert, sondern auch die Struktur ihrer Führung. Während Israel zahlreiche Kommandeure des militärischen Flügels ausgeschaltet und die Führungs- und Kontrollstrukturen der Terrororganisation im Gazastreifen schwer beschädigt habe, habe sich gleichzeitig ein strategisch bedeutender Prozess vollzogen: Der organisatorische Schwerpunkt der Hamas habe sich schrittweise aus Gaza heraus verlagert, wobei sich die Türkei als wichtigstes Zentrum herausgebildet habe.

Während die externe Führung der Hamas zuvor auf mehrere Standorte – darunter Damaskus, Doha und Beirut – verteilt gewesen sei, habe sich Istanbul seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend zum wichtigsten operativen Zentrum der Organisation außerhalb des Kriegsschauplatzes entwickelt. Istanbul sei heute nicht mehr nur ein Zufluchtsort für führende Hamas-Funktionäre, sondern der Ort, von dem aus die Bewegung ihre Außenbeziehungen, strategischen Beratungen, Finanzbeschaffung und regionalen Kontakte steuere.

Nach Angaben israelischer Sicherheitsvertreter habe Israel im Verlauf des Krieges beispiellose Ressourcen eingesetzt, um die Führungsstruktur der Hamas zu zerschlagen. Die systematische Ausschaltung hochrangiger Führungsmitglieder und die anhaltende Zerstörung der Infrastruktur im Gazastreifen hätten die interne Führung erheblich geschwächt. Gleichzeitig habe die Bedeutung der externen Führung zugenommen, wodurch die Organisation trotz ihrer Verluste im Gazastreifen weiter handlungsfähig geblieben sei.

Warum die Türkei?

Die Türkei sei nicht zufällig zum wichtigsten externen Stützpunkt der Hamas geworden. Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe die Hamas über Jahre hinweg konsequent als legitime palästinensische Widerstandsbewegung und nicht als Terrororganisation dargestellt. Auch nach dem 7. Oktober habe Erdoğan seine Haltung nicht geändert. Stattdessen habe er seine Kritik an Israel verschärft, weiterhin Hamas-Delegationen empfangen und enge Kontakte zur Führung der Organisation gepflegt.

Aus Sicht der Hamas biete die Türkei ein äußerst günstiges politisches Umfeld, das es der Organisation ermögliche, diplomatische und organisatorische Aktivitäten nahezu unbehelligt durch die türkischen Behörden durchzuführen. Arabischen Medienberichten zufolge operieren führende Mitglieder der externen Hamas-Führung, insbesondere Zaher Jabarin, stellvertretender Leiter des Hamas-Politbüros und verantwortlich für Operationen in Judäa und Samaria, weiterhin von der Türkei aus und steuern einen erheblichen Teil der diplomatischen und finanziellen Netzwerke der Organisation.

Mit dem zunehmenden Druck auf die Hamas in Ländern wie Katar sei auch die Bedeutung Istanbuls als Ort für Führungstreffen und strategische Beratungen gewachsen.

Eine strategische Herausforderung für Israel und den Westen

Führende israelische Diplomaten vertreten die Auffassung, dass diese Entwicklung eine grundlegende Neubewertung erfordert. Selbst wenn es den israelischen Streitkräften letztlich gelinge, den größten Teil der militärischen Infrastruktur der Hamas im Gazastreifen zu zerstören, werde die Organisation weiter funktionsfähig bleiben, solange ihre Führung im Ausland über einen sicheren Rückzugsort verfüge.

Die externe Führung der Hamas sei weit mehr als nur eine diplomatische Vertretung. Sie sei für die Beziehungen zum Iran, zu Katar, zu weiteren regionalen Akteuren und zum weltweiten Netzwerk der Muslimbruderschaft verantwortlich, sichere finanzielle Ressourcen und leite die langfristige strategische Planung der Organisation.

Nach Angaben hochrangiger israelischer Sicherheitsvertreter unterhält die Hamas in Istanbul zudem eine umfangreiche militärische Infrastruktur, die von Terroristen betrieben wird, die im Rahmen des Schalit-Gefangenenaustauschs freigelassen wurden. Dieses Netzwerk soll Kämpfer anwerben und Terroranschläge in Israel sowie in Judäa und Samaria steuern. Darüber hinaus betreibe die Hamas über türkische Wechselstuben ein weitreichendes Geldwäschenetzwerk, mit dem Terroraktivitäten finanziert und militärische Fähigkeiten ausgebaut würden.

Nach Ansicht israelischer Diplomaten reichen die Auswirkungen weit über Israel hinaus. Die Türkei ist Mitglied der NATO und unterhält enge sicherheitspolitische, politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und Europa. Die fortgesetzte Präsenz und Aktivität der Hamas-Führung auf türkischem Boden bringe westliche Regierungen zunehmend in eine schwierige Lage: Wie könne man die Zerschlagung der Hamas fordern und zugleich akzeptieren, dass ihre externe Führung auf dem Territorium eines NATO-Mitglieds operiere?

Israelische Sicherheitsvertreter gehen davon aus, dass die größte Herausforderung nach dem Krieg nicht unbedingt im militärischen Wiederaufbau der Hamas im Gazastreifen liegen werde, sondern in ihrer Fähigkeit, eine funktionierende Führung im Ausland aufrechtzuerhalten. Erfahrungen hätten gezeigt, dass Terrororganisationen keine territoriale Kontrolle benötigten, um zu überleben. Eine effektive Führung, verlässliche Finanznetzwerke, internationale Verbindungen und ein sicherer Operationsraum könnten ausreichen, um ihre langfristige Widerstandsfähigkeit zu sichern.

Wie es ein hochrangiger israelischer Diplomat formulierte, ende der Kampf gegen die Hamas nicht an den Grenzen des Gazastreifens. Er reiche inzwischen bis nach Istanbul. Solange die Türkei das wichtigste Zentrum der externen Hamas-Führung bleibe, werde die Organisation zwar Schwierigkeiten haben, ihre militärischen Fähigkeiten rasch wiederherzustellen, ihre organisatorische Geschlossenheit, ihre diplomatische Reichweite und ihre strategische Handlungsfähigkeit jedoch bewahren. Für Israel und den Westen gleichermaßen müsse dies zu einer der entscheidenden strategischen Fragen der Nachkriegszeit werden.

 

Ursprünglich veröffentlicht vom Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs.

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Patrick Callahan

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