Was tun wir, wenn unsere Führer schlechte Menschen sind, die gute Dinge tun?

Wir müssen eine Grenze zwischen akzeptablen Fehlern, sogar Sünde, und verwerflichem Verhalten ziehen.

Ob man ihn liebt oder hasst, Donald Trump hat einige Dinge getan, die dem Staat Israel wirklich geholfen haben und die kein US-Präsident vor ihm zustande gebracht hat. Foto: Yonatan Sindel/Flash90

(JNS) Eine der am häufigsten gestellten philosophischen Fragen ist, warum guten Menschen Schlechtes und schlechten Menschen Gutes widerfährt. Der Talmud berichtet, dass Moses selbst von dieser Frage verwirrt war, aber anstatt eine Antwort zu erhalten, wurde ihm von Gott gesagt, er solle die Welt einfach so akzeptieren, wie sie ist, und die Unfähigkeit der Menschheit, sie vollständig zu verstehen. Ramban und andere versuchten, die Frage zu entschärfen, indem sie erklärten, dass Gut und Böse häufig subjektiv sind und nicht alle Menschen sich immer über die Definition einig sind. Dennoch bleibt die Frage bestehen.

In unserer Generation hat die Frage eine andere Dimension angenommen. Wir sind mit dem Paradoxon konfrontiert, dass schlechte Menschen manchmal gute Dinge und gute Menschen schlechte Dinge tun. Dies gilt insbesondere für prominente Führungspersönlichkeiten oder andere Autoritätspersonen.

Wir sind oft enttäuscht, wenn Menschen, die wir bewundern, Fehler machen oder schwere Sünden begehen, während wir manchmal überrascht sind, wenn Menschen, die wir verachten, auf bewundernswerte Weise handeln. Dieses Paradoxon lässt sich zwar leicht damit erklären, dass Menschen komplex und nie ganz gut oder böse sind, aber wir stehen immer noch vor der Frage, wie wir mit solchen Führungspersönlichkeiten umgehen sollen.

In der Vergangenheit mussten wir uns diese Frage in der Regel nicht stellen, weil die Handlungen guter oder schlechter Führer leicht zu verbergen waren. Das hat sich mit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Medien geändert. Da sich Nachrichten und Gerüchte mit Lichtgeschwindigkeit verbreiten, werden Handlungen, die früher unter den Teppich gekehrt worden wären, heute innerhalb weniger Stunden, wenn nicht sogar Minuten, für die ganze Welt sichtbar.

Diese neue Transparenz hat viele Vorteile. Opfer von Autoritätspersonen, die in der Vergangenheit oft traumatisiert, gemieden und allein waren, sehen sich nun bestätigt und unterstützt. Mögliche künftige Opfer, die sich früher der Gefahr, der sie ausgesetzt waren, nicht bewusst waren, sind nun vorgewarnt und somit geschützt.

Vor diesem Wandel wurden gescheiterte oder gefährliche Führungspersönlichkeiten und Autoritätspersonen oft von Position zu Position, von Stadt zu Stadt und von Opfer zu Opfer weitergereicht. Heute, da sich ihre Taten schnell herumsprechen, werden böse Menschen aufgehalten und oftmals inhaftiert.

In einigen Fällen waren die Taten dieser Führungspersönlichkeiten zwar abscheulich, aber nicht illegal, so dass die öffentliche Beschämung die einzige Möglichkeit gewesen wäre, sie zu stoppen. Doch da sich die Öffentlichkeit in der Vergangenheit des Verhaltens dieser Leute nicht bewusst war, wurden sie nicht in der Öffentlichkeit angeprangert. Infolgedessen gelangten sie manchmal in beträchtliche Machtpositionen. Es ist gut, dass dies heute oft nicht mehr der Fall ist.

Aber vielleicht noch verwirrender ist der Fall von schlechten Menschen, die dennoch gute Führungspersönlichkeiten sind und gute Dinge tun. Eine Person kann einen schlechten Charakter haben und sich gegenüber ihrer Familie, ihren Wählern und ihren Anhängern wie ein Rüpel verhalten, aber ihre Position auch dazu nutzen, Gutes zu tun und eine Politik zu betreiben, die der Öffentlichkeit zugute kommt. Es ist leicht, eine Führungsperson zu verurteilen, die einen schlechten Charakter besitzt und schlechte Dinge tut. Nicht so einfach ist es, wenn eine Führungspersönlichkeit einen schlechten Charakter zeigt, aber ihre Talente und Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt.

Wann sollte eine Gemeinschaft solche Personen verurteilen? Alle großen jüdischen Autoritätspersonen haben an bestimmten Punkten versagt und gesündigt, manchmal auf schwerwiegende Weise. Abraham, Moses und König David haben alle Fehler gemacht. Es ist unrealistisch, von unseren Politikern Perfektion zu verlangen. Wo liegt also die Grenze zwischen akzeptablen Fehlern, ja sogar Sünde, und verwerflichem Verhalten?

Die Grenze zwischen akzeptabler und verdammenswerter Sünde sollte dort gezogen werden, wo die Sünde irreparablen Schaden verursacht und der Sünder sich weigert, Wiedergutmachung zu leisten und sein Verhalten zu ändern. Wenn die Sünde der Führungskraft keinen irreparablen Schaden verursacht hat und sie bereut, Wiedergutmachung leistet und ihr Verhalten ändert, sollte sie im Amt bleiben dürfen. Obwohl diese Anforderungen nicht unbedingt auf jeden einzelnen Fall zutreffen, ziehen sie eine klare Grenze zwischen akzeptablen und inakzeptablen Führungspersönlichkeiten.

Um eine bessere Gesellschaft aufzubauen, braucht jede Gemeinschaft Menschen von Qualität an der Spitze. Wir können Fehler und Sünden tolerieren, aber wir sollten keine Führungspersönlichkeiten akzeptieren – egal wie erfolgreich sie sind -, deren Charakter und Verhalten ständig die elementarsten moralischen Standards nicht erfüllen und die sich auch in Zukunft nicht bessern werden.

 

Rabbi Uri Pilichowski ist leitender Pädagoge an zahlreichen Bildungseinrichtungen. Er ist Autor von drei Büchern und lehrt weltweit Thora, Zionismus und Israel-Studien.

3 Antworten zu “Was tun wir, wenn unsere Führer schlechte Menschen sind, die gute Dinge tun?”

  1. repok sagt:

    Nachdem Trump auf dem Bild zu sehen ist: Fällt er bei euch in die Kategorie ” schlechter Mensch, der Gutes tut/tat?” Ein bisschen zu unspezifisch der Beitrag, bzw. ” vorsichtig”….

  2. Daniel Fischer sagt:

    Sehr weise, finde ich.

  3. Jörg Rene Rodegra sagt:

    Auch hier eine Sichtweise, eine Philosophie.
    Ist Gott ein Philosoph? Lt. Bibel zählt bei Gott ein Ja für ein Ja und ein Nein für ein Nein! Somit keine eventuellen Möglichkeiten, keine Philosophien.

    Lt. Thora gilt vor Gott: Auge um Auge, Zahn um Zahn!
    Was kann das bedeuten? Jeder wird so von Gott behandelt, wie er gehandelt hat.

    Im NT hat Jesus dazu eine nähere Erklärung abgegeben, er sagte; jeder erntet was er sät.

    Aus der Sicht eines “Zuschauers” erkenne ich zwar die einzelnen Sachverhalte und Abläufe, kann jedoch nicht die “Ursache” die “Saat” erkennen.

    Der Zuschauer hat “nur” die Möglichkeit, die sichtbaren/erkennbaren Fakten zu gruppieren. Da gibt es dann die speziellen zwei Seiten, gut und böse, gefällt oder gefällt nicht, schwanger oder nicht schwanger etc..

    Die Thora erklärt uns, dass wir nicht lt. hören/sagen urteilen sollen. Bilder und Filme, die wir im TV oder Internet sehen, sind Darstellungen. Die Darsteller können “zufällig” oder bewusst ihre Rolle übernommen haben. Der Regieseur, der Kameramann etc. können bewusst oder unbewusst Einzelheiten ein- oder ausblenden.

    Sollten wir diesen Filmaufnahmen glauben schenken?

Schreibe einen Kommentar

Israel Today Newsletter

Daily news

FREE to your inbox

Israel Heute Newsletter

Tägliche Nachrichten

KOSTENLOS in Ihrer Inbox