83 Verletzte bei Demonstrationen im ganzen Land

Zum Teil sehr gewalttätige Demonstrationen von Israelis äthiopischer Abstammung führten zu chaotischen Zuständen im ganzen Land.

Nachdem am Sonntag ein junger Israeli äthiopischer Abstammung von einem Polizisten erschossen worden war, kam es gestern im ganzen Land zu zum Teil gewalttätigen Protestaktionen von Israelis der äthiopischen Gemeinde, die den Verkehr auf fast allen Hauptverkehrsstraßen zum Stillstand brachten. Die Demonstrationen arteten mit der Zeit in pure Gewalt aus, bei denen Polizeiwagen und andere Autos verbrannt und Steine auf die Polizisten geworfen wurden.

Anarchie – anders kann man den Zustand gestern auf vielen Straßen im ganzen Land nicht beschreiben. Hatten viele am Anfang der Proteste noch Verständnis für die Demonstranten, so wird sich das heute sicher geändert haben. Und nicht zum Guten. Die gewalttätigen Protestler haben ihrer äthiopischen Gemeinde keinen guten Dienst erwiesen.

Alles begann mit einem Vorfall in Haifa am Sonntagabend. Ein Polizist, der nicht im Dienst war, versuchte einen Streit von Jugendlichen äthiopischer Abstammung zu beenden. Dabei soll, so der Polizist, der in zivil mit seiner Familie einen Spaziergang machte, ein Stein auf ihn geworfen worden sein.  Er habe eine unmittelbare Gefahr für sich und seine Kinder wahrgenommen und daher einen Schuss auf die Beine einer der im Streit verwickelten Jugendlichen abgeschossen. Doch die Kugel schlug Berichten zufolge zunächst auf den Boden ein und von da in die Brust des Jugendlichen.

Salomon Teka

 

Der Polizist wurde zunächst festgenommen und von der Abteilung für Vernehmung von Polizisten verhört. Danach wurde er aus der Haft entlassen und unter Hausarrest gestellt, bis zur Klärung des Falls. Und das war es, was das Fass zum Überlaufen brachte. In der äthiopischen Gemeinde hatte man kein Verständnis dafür, dass der Polizist, in ihren Augen ein Mörder, aus der Haft entlassen wurde. Dazu muss gesagt werden, dass es sich hier nicht um den ersten Fall handelt, bei den ein äthiopischer Israeli von einem Polizisten erschossen oder angegriffen wurde. Es gab mehrere Fälle, die auch große Proteste mit sich führten. Erst vor Kurzem war in Bat Yam ein junger Israeli äthiopischer Abstammung von einem Polizisten erschossen worden, da er ein Messer in der Hand hielt. Er war geistig gestört, sein Vater hatte die Polizei verständigt, um seinen Sohn wieder nach Hause zu bringen. Dazu kam es leider nicht.

Die äthiopische Gemeinde beschuldigt die israelische Polizei, eine zu leichte Hand am Auslöser der Waffe zu haben, wenn es um Bürger äthiopischer Abstammung geht. Sie sagen, dass es reiche, schwarz zu sein, um von der Polizei verdächtigt zu werden.

Die gestrigen Proteste waren die bisher gewalttätigsten, die das Land gesehen hat. Am Anfang hielt sich die Polizei noch zurück. Doch als die Proteste immer brutaler wurden, entschied man sich einzugreifen. An vielen Stellen wurden Autos in Brand gesetzt. Es kam zu Auseinandersetzungen mit Bürgern, die ihre Geduld verloren und versuchten, einen Weg aus dem Stau zu finden. Eines der Autos wurde von den radikalen Protestlern zunächst angegriffen, der Fahrer musste sein Auto verlassen. Danach wurde es in Brand gesteckt. Auch mehrere Polizeiwagen wurden umgekippt und verbrannt. Polizeistationen wurden mit Feuerwerkskörpern beschossen, auf Polizisten und ihre Pferde wurden Steine geworfen. Gegen Mitternacht wurden dann von der Polizei Blendgranaten und andere Mittel zur Auflösung von Demonstrationen verwendet, um den Unruhen ein Ende zu machen.

Während der ganzen Zeit saßen um die 60.000 Menschen seit den Nachmittagsstunden in ihren Autos fest. Vielen ging das Benzin aus, da sie wegen der Hitze den Motor laufen ließen. Erst weit nach Mitternacht erreichten die Autofahrer ihr Ziel.

Stau

 

Bei den gestrigen Unruhen wurden insgesamt 83 Menschen verletzt, darunter 47 Polizisten. 60 Demonstranten wurden festgenommen. Wie es nun weitergehen soll, weiß niemand so genau. Die Organisatoren der Aufstände kündigten für heute eine Fortführung ihres Protestes an. Sie verstehen nicht, warum bis jetzt kein einziger Polizist für die Vorfälle gegen Israelis äthiopischer Abstammung verantwortlich gemacht wurde. Sie verstehen nicht, warum der Polizist, der am Sonntag den 19 Jahre alten Salomon Tekah erschossen hat, nicht mehr in Haft ist. Sie verlangen, Teil der israelischen Gesellschaft zu sein.

Die Kluft ist nun allerdings nach den Ereignissen der letzten Nacht noch viel größer geworden. Gewalt kann nicht der richtige Weg sein, um das absolut legitime Ziel der äthiopischen Gemeinde zu erreichen. Die Randalierer haben ihrer Gemeinde gestern großen Schaden zugefügt. Ihre Vertreter sollten sich nun eiligst von den gewalttätigen Aktionen distanzieren und versuchen, den Riss innerhalb der israelischen Gesellschaft schnell zu schließen. Auch die Polizei sollte sich ernsthaft mit den Anschuldigungen auseinandersetzen. Und es wäre auch keine schlechte Idee gewesen, wenn der Minister für innere Sicherheit Gilead Erdan oder ein anderer Vertreter der Regierung den Eltern des erschossenen Jugendlichen einen Kondolenzbesuch abgestattet hätte.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wandte sich in einem Video an die Demonstranten: „Ich weiß, dass es Probleme gibt, die gelöst werden müssen, wir haben hart gearbeitet und wir müssen noch härter arbeiten, um sie zu lösen. Aber ich bitte euch um eines: Stoppt die Blockierungen der Straßen. Wir sind ein Rechtsstaat, wir werden die Blockierung der Straßen nicht tolerieren. Ich bitte euch, lasst uns die Probleme unter Einhaltung des Gesetzes gemeinsam lösen. Wir alle trauern um den tragischen Tod des Jungen Solomon Tekah. Wir umarmen die Familie, wir umarmen die äthiopische Gemeinschaft. Sie ist wichtig für mich, sie ist wichtig für uns alle. Das sind keine bloßen Worte.“

Die Polizei wird heute, sollte es zu neuen Protestaktionen kommen, keine Geduld mehr zeigen und sofort gegen die Protestierenden vorgehen. Hoffen wir, dass es dazu nicht kommen muss und dass man nun einen gewaltfreien Weg findet, um die Probleme gemeinsam zu lösen.

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