Es gibt eine bittere Konstante in der jüdischen Geschichte: Mit toten Juden kann die Welt oft besser umgehen als mit Juden, die sich wehren. Für ermordete Juden werden Kerzen angezündet, Kränze niedergelegt und bewegende Reden gehalten. „Nie wieder“, heißt es dann. Doch wenn Juden selbst dafür sorgen, dass es kein nächstes Massengrab gibt, verändert sich der Ton. Aus Mitgefühl wird Kritik, aus Solidarität werden Forderungen nach Zurückhaltung, und aus dem Recht auf Selbstverteidigung wird schnell eine Debatte darüber, wie weit dieses Recht reichen darf. Genau darin liegt eine der tiefsten Spannungen der modernen jüdischen Geschichte. Israel entstand nicht, damit die Welt jüdische Opfer besser betrauern kann. Israel entstand, damit es weniger jüdische Opfer zu betrauern gibt. Von Masada über das Warschauer Ghetto bis zur Staatsgründung zieht sich deshalb ein Gedanke durch die jüdische Erinnerung: Wir können nicht darauf bauen, dass andere uns rechtzeitig retten. Golda Meir brachte diese Erfahrung auf eine Formel, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Lieber lebendig und kritisiert als tot und bemitleidet.
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