(JNS) Eine Woche vor den israelischen Wahlen am 27. Oktober gab der Schin Bet (Israelischer Inlandsgeheimdienst) bekannt, dass Konten, die im Rahmen einer „ausländischen Einflusskampagne“ genutzt worden waren, in einer gemeinsamen Aktion mit der Cyberabteilung der Staatsanwaltschaft und dem Zentralen Wahlausschuss (CEC) aus den sozialen Medien entfernt worden seien.
Der Geheimdienst nannte weder die verantwortlichen ausländischen Akteure noch die betroffenen Plattformen oder die Technologien, mit denen die Konten aufgespürt worden waren. Kurz darauf wurde jedoch berichtet, dass weitere Konten, bei denen Verbindungen ins Ausland vermutet werden, weiterhin aktiv seien.
Am Dienstag werden die Israelis ihre Stimmen mit Stimmzetteln aus Papier abgeben. Der Wahlprozess ist jedoch auf digitale Systeme angewiesen, und die Wähler nehmen politische Informationen selbstverständlich auch über das Internet auf.
Während das Land zum ersten Mal seit den von der Hamas angeführten Terroranschlägen im Süden Israels am 7. Oktober 2023 an die Wahlurnen geht, überwachen staatliche Cybersicherheitsteams, Technologieplattformen und unabhängige Forscher mögliche Bedrohungen, untersuchen verdächtige Netzwerke und reagieren auf Versuche, den Wahlprozess zu stören oder zu manipulieren.
Election Shield: Schutz der Infrastruktur
Im Oktober kündigten die Nationale Cyberdirektion Israels (INCD) und der Zentrale Wahlausschuss die Initiative „Election Shield“ (Wahlschutzschild) an. Der offiziellen Mitteilung zufolge hatten sich die beiden Behörden etwa drei Monate lang vorbereitet und eine Übung durchgeführt, bei der Cyberangriffe simuliert wurden.
Am Wahltag wird ein spezielles Cyberlagezentrum eingerichtet, das Informationen über Bedrohungen zusammenführt, verdächtige Aktivitäten identifiziert und die Reaktionen auf Zwischenfälle koordiniert. Zu den berücksichtigten Szenarien gehören das Eindringen in Systeme, Störungen von Webseiten, die Vortäuschung der Identität öffentlicher Einrichtungen, Phishing, die Übernahme von Benutzerkonten sowie falsche Behauptungen, Wahlsysteme seien gehackt worden.
Darüber hinaus haben der Zentrale Wahlausschuss und die israelische Landesvermessungsbehörde ein auf GovMap basierendes System entwickelt, mit dem die Wahlbeteiligung geografisch aufgeschlüsselt dargestellt werden kann, einschließlich einzelner Wahllokale. Nach Abschluss der Stimmabgabe sollen auch die Wahlergebnisse auf interaktiven Karten angezeigt werden.
Neue Erkenntnisse des israelischen Cybersicherheitsunternehmens Check Point verdeutlichen bereits das Bedrohungsumfeld, auf das diese Vorbereitungen ausgerichtet sind.
Israelischen Medienberichten zufolge waren israelische Regierungsorganisationen Anfang Oktober durchschnittlich etwa 2.300 Cyberangriffen pro Organisation und Woche ausgesetzt. Das entspricht einem Anstieg von 82 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres.
Check Point identifizierte außerdem seit Anfang Oktober 87 bestätigte Cyberangriffe auf israelische Ziele, bei denen es sich hauptsächlich um Störungen und Verunstaltungen von Webseiten handelte.
Diese Zahlen beziehen sich auf Cyberaktivitäten gegen israelische Ziele im Allgemeinen und nicht auf bestätigte Einbrüche in Wahlsysteme.
„Die Stimmabgabe in Israel erfolgt mit Stimmzetteln aus Papier, doch hinter dem Wahlprozess steht eine umfangreiche digitale Infrastruktur, die vor Cyberbedrohungen geschützt werden muss“, erklärte Yossi Karadi, Generaldirektor der Nationalen Cyberdirektion, in einer offiziellen Stellungnahme.
Die Direktion lehnte es jedoch ab, konkrete Verteidigungstechnologien zu benennen.
„Aus Sicherheitsgründen geben wir keine Einzelheiten über die spezifischen Technologien, Werkzeuge oder Methoden bekannt, die zum Schutz wahlbezogener Systeme eingesetzt werden“, erklärte Libi Oz gegenüber JNS im Namen der Direktion.
Den digitalen Spuren folgen
Über die offizielle Wahlinfrastruktur hinaus setzen israelische Forscher Technologien ein, um Versuche zur Manipulation des politischen Diskurses im Internet aufzudecken.
Ein am 22. Oktober veröffentlichter Bericht des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS), der in Zusammenarbeit mit der israelischen Beobachtungsorganisation FakeReporter erstellt wurde, untersuchte ausländische Einflussoperationen im Vorfeld der Wahlen. Mithilfe von Datenerfassungswerkzeugen des israelischen Unternehmens Xpoz verfolgten die Forscher auf X ein islamistisches Einflussnetzwerk namens „Isnad“. Xpoz ermöglicht einen strukturierten Zugriff auf Daten sozialer Medien, darunter X, Instagram, Reddit und TikTok. Der dokumentierte Beitrag des Unternehmens zur INSS-Untersuchung bestand in der Datenerfassung.
Der Bericht beschreibt Isnad als eine auf Freiwilligen basierende Gruppe, die der Muslimbruderschaft nahesteht und von einem ägyptischen Oppositionsaktivisten geleitet wird, der von der Türkei aus operiert. Obwohl keine staatliche Beteiligung bekannt ist, zielten ihre Botschaften darauf ab, das Vertrauen in Institutionen und die Glaubwürdigkeit der Wahlen zu untergraben.
Das INSS verweist außerdem auf Untersuchungen des Unternehmens Golden Owl, das auf X etwa 150 hebräisch schreibende Profile identifizierte, die anhand von Standortdaten oder der Nutzung der iranischen Version der App mit dem Iran in Verbindung gebracht werden konnten.
Auch das israelische Cybersicherheitsunternehmen ClearSky veröffentlichte im Oktober einen Bericht über eine russische Einflusskampagne in Israel. Die unter dem Namen „The Double“ oder „Doppelgänger“ bekannte Kampagne „verbreitet falsche und irreführende Botschaften, die auf Teilen echter Veröffentlichungen beruhen, und gibt sich dabei als bekannte Medienunternehmen aus“, heißt es in der Zusammenfassung des Berichts.
Die vom INSS überprüften Konten waren bis zum 19. Oktober gesperrt worden. Die Denkfabrik äußerte sich jedoch deutlich zu den Grenzen solcher Maßnahmen. Die meisten Inhalte erreichen ihr Publikum erst dann, wenn echte Israelis sie weiterverbreiten, meist ohne sich ihrer Herkunft bewusst zu sein. Das offensichtliche Ziel besteht darin, das Vertrauen zu untergraben, statt Wählerstimmen zu beeinflussen. Die unmittelbare Bedrohung durch Isnad scheint begrenzt zu sein, da es keine Belege dafür gibt, dass Wähler aufgrund dieser Aktivitäten ihre Ansichten geändert haben.
Von der Erkennung zum Eingreifen
Schädliche Aktivitäten zu erkennen, ist eine Sache. Ohne die Möglichkeit, dagegen vorzugehen, bleiben wirksame Eingriffe jedoch möglicherweise begrenzt.
Anfang Oktober kündigte der Zentrale Wahlausschuss nach einem Treffen unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Isaac Herzog in der Residenz des Präsidenten eine verstärkte Zusammenarbeit mit Meta, Google, TikTok und Microsoft an. Die Vereinbarung umfasst verbesserte Meldewege und eine vorrangige Prüfung wahlbezogener Anfragen. Da der Zentrale Wahlausschuss keine allgemeine Befugnis besitzt, Online-Inhalte entfernen zu lassen, muss er entsprechende Anliegen an die Plattformen weiterleiten, die ihre eigenen Regeln anwenden.
Die Beiträge der Unternehmen unterscheiden sich. Google verlangt von Werbetreibenden, die in Israel Wahlwerbung schalten, ihre Identität zu bestätigen und offenzulegen, wer für ihre Anzeigen bezahlt. Informationen über die Werbeausgaben sind über das Transparenzsystem für politische Werbung des Unternehmens zugänglich. Außerdem wird Google den Wählern am Wahltag dabei helfen, ihre Wahllokale zu finden.
Meta, zu dem Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, betreibt Systeme zur Erkennung koordinierten unauthentischen Verhaltens und erklärt, dass spezielle Sicherheitsteams bereitstehen, um auf wahlbezogene Bedrohungen zu reagieren.
Microsoft hat seine Beteiligung an den Koordinierungsbemühungen durch einen „fachlichen Dialog“ mit dem Zentralen Wahlausschuss bestätigt, jedoch keine konkreten Technologien öffentlich benannt, die für die israelischen Wahlen eingesetzt werden.
TikTok hat detailliertere Zahlen zu seinen Maßnahmen im Zusammenhang mit den israelischen Wahlen veröffentlicht. Aus seinem Transparenzbericht geht hervor, dass die Plattform zwischen dem 7. Juni und dem 5. September mehr als 45.000 Videos aufgrund ihrer Regeln zur Wahlintegrität, zu Falschinformationen und zu irreführenden KI-generierten Inhalten entfernte. Darüber hinaus wurden 1.431 Konten gelöscht, die sich als Kandidaten oder Amtsträger ausgaben.
Die Plattform führte außerdem ein in die App integriertes „Wahlzentrum“ ein, das verlässliche Informationen zur Stimmabgabe sowie Hinweise zur Erkennung von Falschinformationen bereitstellt.
Die bevorstehende Bewährungsprobe
Erkennungswerkzeuge können Verhaltensweisen sichtbar machen. Sie lassen jedoch nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf die Absicht zu, selbst wenn diese noch so offensichtlich erscheinen mag, und erst recht nicht darauf, ob Menschen tatsächlich überzeugt wurden.
Koordinierte Aktivitäten können von Menschen oder automatisierten Systemen ausgehen und sowohl inländischen als auch ausländischen Ursprungs sein. Israel führte eine Kennzeichnungspflicht für Wahlkampagnen ein, in denen digital erzeugte oder veränderte Personen, Ereignisse oder Dokumente verwendet werden.
Doch diejenigen, die Störungen verursachen wollen, können bestehende gesellschaftliche Spaltungen ausnutzen oder irreführende Darstellungen verbreiten, ohne dafür Deepfakes erstellen zu müssen. Solche Kennzeichnungen würden auch nichts gegen authentische Inhalte ausrichten, die durch gefälschte Konten verstärkt verbreitet werden, oder gegen Satire, die einem Algorithmus wie ein Manipulationsversuch erscheinen könnte.
Behörden und private Plattformen müssen daher ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Integrität der Wahlen und der Wahrung der Meinungsfreiheit finden.



