Flug über Israel: Das Hula-Tal und seine Kraniche

Das Hula-Tal ist einer der einzigartigsten und faszinierendsten Migrationspunkte der Welt, das jedes Jahr von Millionen von Vögeln angeflogen wird.

Jedes Jahr bietet sich im Frühjahr und im Herbst in der Region Agamon Hula im Norden Israels ein faszinierendes Schauspiel, nämlich dann, wenn der größte Vogelzug der Welt auf seiner langen Reise in Israel Halt macht. Dann findet man Vögel aus Asien, Afrika, Europa und dem Nahen Osten an diesem einzigartigen Ort. Doch die Zugmuster dieser Vögel haben sich im Laufe der Jahre verändert.

Es ist ein Zwitschern und Vogelsang aus Millionen von Vogelkehlen, die hoch oben über dem Hula-Naturschutzgebiet im Norden Israels während ihrer Vogelwanderung von und nach Afrika den Himmel bevölkern. Die Vögel, die im Herbst und Frühjahr mit ihren Jungen unterwegs sind, nutzen das Hula-Naturreservat in der Region Obergaliläa in Israel gern. Hier tanken sie Energie für den Rest ihrer Reise, auf den Feldern schlafen sie und ernähren sich. Die Vögel finden hier einen sicheren Rastplatz, während die Besucher die Einrichtungen des Parks nutzen und die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum bewundern können. Darüber hinaus können die Gäste mehr über die Vögel und die Herausforderungen erfahren, denen sie gegenüberstehen, einschließlich des Klimawandels und der anthropogenen Veränderungen ihrer natürlichen Lebensräume.

 

Migration im Hula-Naturschutzgebiet

Von dem Moment, an dem man das Hula-Naturschutzgebiet betritt, dominieren die Klänge von zehntausenden rastenden Kranichen die Geräuschkulisse. Der gemeine Kranich (Grus grus) ist die am häufigsten vertretene Art während der großen Wanderung. In ganz Israel zählt man in dieser Zeit 60.000 dieser Tiere.

„Das Hula-Tal war früher ein Sumpf, in dem ständig Wasser aus dem Jordan floss, aber das änderte sich, als das Tal Anfang der 1950er Jahre trockengelegt und in landwirtschaftlich genutztes Land umgewandelt wurde“, sagt uns Shai Agmon, Leiter des Vogelforschungszentrums Agamon Hula KKL und Ökologe vor Ort.

Nicht nur das Hula-Tal wurde damals trockengelegt, auch viele andere Länder wie Ägypten, Sudan und Äthiopien begannen, ihre Feuchtgebiete, Flüsse und Seen zu entwässern. Für die Vögel wirkte sich dies bei der Durchquerung der Wüste Sahara zusätzlich erschwerend aus, da diese besonderen Landschaften als Rastplatz für Zugvögel nun wegfielen. „Früher haben die Vögel bei uns in Israel oder in Europa gar keine Rast gemacht. Die anthropogenen Veränderungen haben diesen Ort zu einer günstigen Umgebung für sie werden lassen, um hier jedes Jahr für einige Monate zu rasten“, so Agmon.

Ende der 1950er Jahre verbrachten die ersten 100 Kraniche den Winter in Israel. In den 1990er Jahren stieg diese Zahl auf 5000. Heute sind 60.000 Kraniche im Hula-Naturschutzgebiet zu finden, zusätzlich zu mehr als 300 Vogelarten. Diese Zahlen werden durch wöchentliche Zählungen durch die Mitarbeiter des Reservats während der Zugzeit und alle zwei Wochen im Winter und Sommer dokumentiert. Diese umfangreichen Zählungen werden auf recht einfache Weise durchgeführt. Alle 200 Meter befindet sich ein Beobachter mit einem Auto, der für die Zählung der Vögel zuständig ist, die sich zwischen ihm und dem nächsten Zähler befinden. Manchmal kann eine einzelne Zählung bis zu 15.000 Vögel in einer Sitzung betragen.

Die Kraniche kommen ab Ende Oktober aus Europa an. Einige bleiben, während andere vor dem Winter nach Afrika auswandern. „Diejenigen, die Anfang Dezember noch hier sind, werden wahrscheinlich bis März bleiben, während die, die weggegangen sind, im März zurückkehren werden“, berichtet Agmon.

Die Vögel, die bleiben, können eine Bedrohung für die Ernten auf den ausgedehnten Ackerflächen der Hula-Region darstellen. Agmon sagt, dass das Reservat eine einfache Lösung für dieses potenzielle Problem gefunden hat: Man füttert die Vögel einfach mit israelischem Mais. „Die Kraniche, die im Dezember hier bleiben, werden gefüttert, aber nicht, weil wir sie hier behalten wollen“, sagt er. „Wenn wir sie nicht füttern würden, würden sie die Ernte vor Ort fressen, was zu Konflikten mit den Bauern in der Gegend führen würde.

Es ist noch ungewiss, ob die Zahl der Kraniche, die nach der Migration bleiben, steigen wird. Ihre Wanderungsmuster haben sich aus Gründen geändert, die noch nicht vollständig verstanden werden, aber auf den Klimawandel zurückgeführt werden könnten.

Der gemeine Kranich (Grus grus) ist am häufigsten unter den Wandervögeln im Hula-Tal zu finden.

 

Die Zukunft des Hula-Naturschutzgebietes

Vor zwei Jahren wurde eine Forschungsstudie im Hula-Tal initiiert, um zu prüfen, ob es Vogelhybriden gibt, eine Kreuzung zwischen zwei verschiedenen Vogelarten. Nachdem 200 DNA-Proben untersucht worden waren, wurde festgestellt, dass es 20 Hybriden gibt, von denen einige sogar in der zweiten Generation und fruchtbar sind. Die Hybriden stellen keine neuen Arten dar, aber sie zeigen Veränderungen, die zu einem Speziationsphänomen führen könnten.

Derweil wird in Zusammenarbeit mit der Naturschutzgesellschaft (SPNI) und dem Jüdischen Nationalfonds (JNF) daran gearbeitet, Druck auf die Stromversorger auszuüben, damit diese ihre Stromleitungen, die das Reservat durchqueren, endlich in den Boden verlegen. Die Elektrizitätsgesellschaft hat in der Region niedrig gelegene Stromleitungen gebaut, mit denen die Vögel leicht kollidieren können. Ein verwundeter Vogel hat geringe Überlebenschancen, da es im Park auch Raubtiere gibt, wie Wildschweine, Wildkatzen und Schakale, die Jagd auf diese verletzten Vögel machen.

Heute gibt es in Israel nur ein einziges Tier-Rehabilitationszentrum, das sich in der Ramat-Gan-Safari befindet. Das dortige Zentrum ist mit einer Tierambulanz (“Chai-Balance”) ausgestattet, das verletzte Tiere zur Behandlung transportieren und es wieder in seinen natürlichen Lebensraum zurückzubringen kann. In diesem Zentrum werden jährlich mehr als 10.000 Tiere behandelt. Um die Bemühungen der Ramat-Gan-Safari zu unterstützen, „werden ab Dezember neue Rehabilitationskäfige im Agamon-Naturreservat errichtet, um Vögel aus der Tierklinik hierher zu bringen, damit sie gleich wieder freigelassen werden können“, sagt Agmon. „Später werden wir hier hoffentlich auch eine Notaufnahme für Tiere haben.“

Abgesehen von der Forschung und der gemeinsamen Arbeit für die Vögel gibt es im Hula-Tal-Reservat auch Bildungsinitiativen. Das Stephen J. Harper Besucher- und Lernzentrum, das nach einem ehemaligen kanadischen Premierminister benannt ist, ist das fortschrittlichste Besucherzentrum des Landes. Es bietet atemberaubende Ausblicke auf das Reservat, ein interaktives Vogelquiz, das eine ganze Wand des Zentrums bedeckt, ein Virtual-Reality-Gerät, das es den Besuchern ermöglicht, mit den Vögeln zu „fliegen“, sowie interaktive Spiele. Außerdem gibt es ein Theater, ein Restaurant, eine Kunstgalerie und viele Bilder von Wildtieren mit Live-Informationen über die Ankunft und den Abflug der Vögel im Hula-Tal.

 

Mit freundlicher Genehmigung von *ZAVIT – Israel’s Science and Environment News Agency

 

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