Sein Lächeln war sein Markenzeichen

Im September war Masal bei uns in der Jerusalemer Redaktion. Eine kleine Frau, schwarz angezogen. Obwohl aus ihren Augen Trauer schimmerte, strahlte sie dennoch das pure Leben aus. Als ich ihr zur Begrüßung die Hand reichte, zog sie mich an sich heran und umarmte mich fest: „Bei uns begrüßen wir uns so!“ Ihr Festklammern ließ mir die Tränen kommen, denn vor fünf Jahren hat sie ihren jüngsten Sohn Liel im Krieg im Gazastreifen verloren. Sergeant Liel Gidoni (20) fiel am so genannten „schwarzen Freitag“ mit zwei weiteren Offizieren im Feuergefecht mit Hamasterroristen in Rafah. Liel bedeutet „Mein Gott“ oder „Mir Gott“.

 

„Die Trauer um Liel begleitet mich jeden Moment in meinem Leben“, erzählte mir Masal, die noch drei weitere Söhne hat, die alle in  Kampfeinheiten dienen oder dienten. „Aber gleichzeitig regt sich in mir der Wunsch, meinen Sohn, sein Lächeln, seine Liebe für Kinder, sein Wesen und seine Werte zu verewigen.“ Ich weiß, wovon sie spricht, denn auch wir haben vier Kinder, und alle dienten oder dienen in Kampf- oder Sondereinheiten. Als Mutter weiß ich, wovon sie redet und was sie fühlt. Liels unentwegtes Lächeln war sein Markenzeichen. So wurde sein lächelndes Gesicht auch zum Markenzeichen des Gazakrieges. Auf allen Fotos, ob aus der Kindheit oder aus der Armeezeit, ist Liel lächelnd zu sehen. Nichts konnte ihm das Lächeln nehmen, auch nicht das mühsame Training in der Sonderheit von Givati.

 

Sein Lächeln bewegte uns dazu, Masals Kinderprojekt mit unserem Kalender zu unterstützen. Auch mein Mann hat vor über 30 Jahren in dieser Givati-Einheit gedient, ebenso mein Sohn Moran. „Wir haben uns entschieden, andere Menschen mit seiner Liebe und seinem Lächeln anzusprechen“, erklärte uns Masal. „Es gibt so viele Kinder im Land, die täglich ohne Butterbrot in die Schule gehen, weil ihren Eltern das Geld dafür fehlt. Auf jedem Butterbrot, das wir an bedürftige Schulkinder verteilen, klebt ein Sticker mit dem Lächeln meines Sohnes.“ Ihr Motto im Leben: „Lacht, denn Lächeln ist Freude, und Freude gibt uns die Kraft, weiterzugehen!“ Schon als Schüler hat sich Liel ständig um andere Schulkameraden gekümmert, die aus verschiedenen Gründen nichts zu Lachen hatten.

 

Masal erzählte uns, wie am letzten Jahresgedenktag ihr Mann Eli den Rabbi Or Siv in die Arme schloss und unter Tränen sagte, dass dieses Projekt ihm Kraft für das Leben gibt. „Wir wollen diese Freude, Liebe und dieses Lächeln vergrößern und allen bedürftigen Kindern damit eine Hilfe sein. Das machen wir für Liel. Er war selbst noch ein Kind, als er gefallen ist. Was sind 20 Jahre? Unsere Soldaten sind doch noch wie Kinder. Kinder, die ihre Eltern und ihre Heimat in Schutz nehmen. Glaubt mir, unsere Kinder sind viel zu mitfühlende Soldaten, allzu menschlich und zu rücksichtsvoll gegenüber dem Feind.“ „Eure Idee, einen Kalender über Israels Kinder herauszubringen, ist ein Geschenk für uns und für Liel, um noch mehr hungrige Kinder im Land zu erreichen. Seine Liebe und sein Lächeln werden unsterblich.

 

Anfangs haben wir am Tag 70 Butterbrote mit seinem Lächeln verteilt, heute sind es 800 am Tag.“ 28 Prozent der israelischen Schulkinder leben laut Masal und Rabbi Siv unter dem Existenzminimum. Schuldirektoren und Lehrer begrüßen Liels Butterbrotprojekt, denn das sorgt für Ruhe im Unterricht. „Ein gesättigtes Kind ist ein ruhiges Kind, stört im Unterricht nicht und kann besser zuhören.“ Dass Christen aus dem Ausland Liels Lächeln weitergeben und seine Butterbrote verteilen wollen, ist für Masal und Eli fast unverständlich. Das ist Liebe pur! Als wir uns schließlich verabschiedeten und wieder umarmten, sagte sie mir einen Satz, der mich fast umgeworfen hat und sprachlos, mit tiefen Gedanken über unser Schicksal in diesem Land, zurückließ: „Menschen aus meiner Umgebung sagen mir: Wenn du vier Söhne hast, muss dir doch klar sein, dass so etwas passieren kann …“