|
Donnerstag, 29. Juli 2010
|
„Wir haben keine andere Wahl, als zusammen zu leben!"
Im April habe ich Nusseibah Chatib kennengelernt. Der 29-jährige lebt in Barta’a,
einem arabischen Dorf mit zehntausend Einwohnern im Landeszentrum. Er hat im
arabischen Rundfunk die Journalistin Nisreen Abdel Nabi aus Ostjerusalem gehört.
Die erst 24 Jahre alte Palästinenserin äußerte sich im Gespräch mit israel
heute (Oktober 2009) offen und kritisch über die PA-Führung. „Ich wünschte,
mehr Araber würden israelischen Zivildienst leisten“, sagte Chatib, als wir uns
in unserer Jerusalemer Redaktion unterhielten.
Nusseibah und Nisreen sind zwei von vielen arabischen Stimmen im Land, die als „schweigende
Mehrheit“ der israelischen Araber gelten. Sie plädieren für ein wirkliches
Zusammenleben.
Inzwischen veröffentlichte Nusseibah Chatib in den arabischen Medien mehrere
Artikel, in denen er die arabische Bevölkerung zum nationalen Zivildienst
aufruft. Die PA-Führung reagierte darauf verärgert. In israelischen wie auch
ausländischen Medien werden häufig arabische Knesset-Abgeordnete und Führer
zitiert, die pausenlos Israel mit Kritik überziehen und Propaganda für den
sogenannten palästinensischen Befreiungskampf treiben.
„Die arabischen Politiker sind doch nur auf Schlagzeilen aus. Sie schaden damit
dem empfindlichen Zusammenleben unserer beiden Völker“, meint Chatib, der aus
einer arabischen Großfamilie stammt. „Ohne den Rückhalt einer großen und
anerkannten Familie ist nichts zu ändern. Mein Großvater Dschamil Hussein Chatib
wurde 100 Jahre alt. Er ist vor fünf Jahren gestorben.“ Als ob er beweisen
wollte, dass er mit seiner Meinung nicht allein ist, hat er uns nach Barta’a
eingeladen. Eine Hälfte des Dorfes liegt auf israelischer Seite, die andere,
östliche, in den sogenannten besetzten Gebieten. Aber das Dorf wurde nicht durch
den Sicherheitszaun zerschnitten.
Zwei Wochen später sitzen wir im Garten seines Vaters, es gibt Kaffee. Wir sind
eine große Runde: 25 Persönlichkeiten sind da, unter ihnen Lehrer, Scheichs,
leitende Angestellte, Offiziere und Geschäftsleute, alle aus der Umgebung. Neben
mir sitzt Kaba’a Said (37), Bevollmächtigter der israelischen Krankenkasse
Klalit.
„Wir haben keine Angst, offen die Wahrheit zu sagen“, erklärt Said. „Zur Zeit
leisten vier junge Araberinnen in unserer Krankenkasse Zivildienst. Es gibt
sogar eine Warteliste.“ Said wird von Atuwan unterbrochen: „Was haben wir davon,
wenn wir dem Staat dienen? Wo wir doch immer noch diskriminiert werden?“, fragt
er. Atuwan ist bei der israelischen Polizei.
Er ist der für das Dorf zuständige Sicherheitsoffizier. „Wir wollen uns
integrieren, aber immer wieder werden wir durch unnötige Zwischenfälle daran
erinnert, dass wir nur die arabische Minderheit sind.“
Atuwan gibt die Geschichte zum Besten, wie er als Polizist einen Autofahrer nach
dem Führerschein fragte. Fahrer und Beifahrer haben ihn beschimpft, er solle
gefälligst Terroristen fangen und nicht harmlose Juden belästigen. „Dies ist nur
ein Beispiel von vielen. So behandelt man uns Araber, die doch nur dem Staat
dienen wollen“, klagt er. Aus der Runde hört man zustimmende Bemerkungen. Die
arabische Bevölkerung, heißt es, spüre tagtäglich die Diskriminierung. Unsere
gemischte Gesprächsrunde, die zwei Stunden dauern wird, fängt spannungsgeladen
an.
Um den Artikel vollständig zu lesen, registrieren Sie sich für
Premium Online Zugriff.
|
|
| Zurueck zu Politik |