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Politik
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Montag, 1. Februar 2010
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Gott oder Staat?
Wem hat das Volk Israel zu gehorchen, Gott oder dem Staat? Darüber debattieren
seit einigen Wochen die Rabbiner der zionistischen Siedlerbewegung.
Mitte Dezember sorgte der Leiter der nationalreligiösen Thoraschule Har Bracha,
Rabbiner Elieser Melamed, für Aufruhr im Volk. Trotz mehrerer Warnungen aus dem
Verteidigungsministerium weigerte sich Melamed, seine umstrittene Meinung
aufzugeben und Verteidigungsminister Ehud Barak zu treffen: „Ich bleibe dabei,
die Räumung biblischen Landes ist von Gott verboten, daher empfehle ich Soldaten,
bei Räumungen den Gehorsam zu verweigern“, so Rabbi Melamed.
Barak war gezwungen, die Zusammenarbeit mit Melameds Thoraschule zu beenden.
Damit wurde das gesamte zionistische System der Hesder-Thoraschulen in einen
politisch-geistlichen Strudel gezogen. Rabbiner der sogenannten
Hesder-Thoraschulen schrieben daraufhin in einer gemeinsamen Erklärung,
Loyalität zum Gesetz Gottes und der Thora stehe immer über anderen Loyalitäten –
sei es gegenüber dem Staat oder der Armee.
Aber selbst unter den Rabbinern sind nicht alle mit der radikalen Stellung
Melameds einverstanden. Die Spannung zwischen diesen unterschiedlichen
Weltanschauungen im Volk nimmt zu.
Was ist eine Hesder-Thoraschule?
In den 52 Hesder-Thoraschulen absolvieren etwa 7600 Schüler ein fünfjähriges
Studium. Die religiösen Thorastudenten dienen in diesem Zeitraum 16 Monate in
der israelischen Armee. Diese Abmachung zwischen dem Staat Israel und der
nationalreligiösen Bewegung wurde in den 50er Jahren getroffen, das hebräische
Wort Hesder bedeutet soviel wie Abmachung. Diese Thora-Colleges werden zum
Großteil vom Staat Israel finanziell gefördert. Sie stellen den geistlichen
Grund pfeiler der nationalreligiösen Bevölkerung im Land dar, die den Staat
Israel als biblische Verheißung Gottes betrachtet und deswegen im biblischen
Kernland Judäa und Samaria siedeln.
Jährlich dienen etwa 1300 nationalreligiöse Thoraschüler in der Armee. Sie
zählen zu den besten Soldaten. Sobald eine Hesder-Thoraschule, wie die von Rabbi
Melamed, zur Befehlsverweigerung aufruft, löst sich der Staat Israel von dieser
Thoraschule. In diesem Fall müssen die Thora schüler einen dreijährigen
Wehrdienst absolvieren oder einer anderen Thoraschule beitreten.
„Meine Herren, die Feier ist vorbei“, schrieb der Kommentator Alex Fischmann aus
dem säkularen Umfeld in seiner Kritik gegen das Verhalten der nationalreligiösen
Rabbiner. „Ihr könnt nicht alles haben: Thora lernen, weniger als die Hälfte der
Wehrpflicht ableisten, dennoch alle Rechte entlassener Soldaten wie nach
dreijähriger Armeezeit genießen, das Prestige, in der Armee gedient zu haben,
das nationale Ansehen im Volk, als Patrioten zu gelten, staatliche Gelder für
eure Thoraschulen bekommen und uns letztendlich ins Gesicht spucken.“
Laut einer Umfrage (Ynet) befürworten 49 % der israelischen Bevölkerung Baraks
Entscheidung. Israels Rabbiner müssen sich dem israelischen Militär unterordnen
und sich gegen jede Befehlsverweigerung stellen. Aus derselben Umfrage geht
hervor, dass sich 73 % der säkularen und 69 % der traditionellen Juden der
Staatsmacht unterstellen. Dagegen gehorchen 64 % der orthodoxen Juden zuerst den
Rabbinern und dann dem Staat. Aber nicht immer ist das, was der Rabbi bestimmt,
in Gottes Augen biblisch korrekt.
Was rechtfertigt Verweigerung: Gott oder das Gewissen?
„Die orthodoxen Juden haben bei solch einer Wahl zwischen Gott und dem Staat oft
keine Wahl“, meint der Historiker Zwi Sadan, ein messianischer Jude. „Die
Siedler bewegung möchte nicht unbedingt im Feld der orthodoxen Juden stehen und
fühlt sich ebenso dem Staat und der Landesverteidigung verbunden. Doch sobald
Staatspflichten mit einem Thoragesetz kollidieren, stehen diese Juden vor einem
Dilemma.“ Dies ist Sadan zufolge nicht fair, denn so wie die Thoragesetze
religiöse Juden ins Dilemma drängen, so ist dies bei linksliberalen Juden das
Gewissen.
Israelische Soldaten, die aus humanitären Gründen in verschiedenen Kriegen und
Operationen Militärbefehle verweigerten, machten deswegen keine Schlagzeilen in
den Medien. Im Januar 2002 unterschrieben 51 israelische Soldaten den
sogenannten „Kämpferbrief “, dem zufolge sie sich weigerten, in den besetzten
Gebieten zu dienen. Seitdem unterzeichneten aufgrund ihres Gewissen 650
linksliberale Israelis den Verweigerungsbrief. Dasselbe taten im September 2003
27 israelische Kampfpiloten. Kein Spektakel. Warum macht Befehlsverweigerung um
Gottes willen Schlagzeilen, und eine Befehlsverweigerung um des individuellen
Gewissens willen nicht?
Sobald Israels Regierung eine antibiblische Entscheidung trifft, wie vor vier
Jahren die Evakuierung der jüdischen Siedler aus dem Gazastreifen, beschwören
Religiöse einen geistlichen Konflikt herauf. „Wir hätten lauter schreien müssen;
Her zu mir, wer Gott angehört!“, meinte Rabbi Ynon Ilani von der
Thoraschule Hen Midbar in Arad im orthodoxen Rundfunk Kol Chai. „Wir
dürfen die staatliche Vollmacht nicht den Regierungen überlassen, die sich der
Thora nicht anpassen! Wir müssen allein dem Allmächtigen gehorchen.“
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