Sonntag, 1. August 2010




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Politik
Montag, 1. Februar 2010
Gott oder Staat?
Wem hat das Volk Israel zu gehorchen, Gott oder dem Staat? Darüber debattieren seit einigen Wochen die Rabbiner der zionistischen Siedlerbewegung.

Mitte Dezember sorgte der Leiter der nationalreligiösen Thoraschule Har Bracha, Rabbiner Elieser Melamed, für Aufruhr im Volk. Trotz mehrerer Warnungen aus dem Verteidigungsministerium weigerte sich Melamed, seine umstrittene Meinung aufzugeben und Verteidigungsminister Ehud Barak zu treffen: „Ich bleibe dabei, die Räumung biblischen Landes ist von Gott verboten, daher empfehle ich Soldaten, bei Räumungen den Gehorsam zu verweigern“, so Rabbi Melamed.


Barak war gezwungen, die Zusammenarbeit mit Melameds Thoraschule zu beenden. Damit wurde das gesamte zionistische System der Hesder-Thoraschulen in einen politisch-geistlichen Strudel gezogen. Rabbiner der sogenannten Hesder-Thoraschulen schrieben daraufhin in einer gemeinsamen Erklärung, Loyalität zum Gesetz Gottes und der Thora stehe immer über anderen Loyalitäten – sei es gegenüber dem Staat oder der Armee.

Aber selbst unter den Rabbinern sind nicht alle mit der radikalen Stellung Melameds einverstanden. Die Spannung zwischen diesen unterschiedlichen Weltanschauungen im Volk nimmt zu.

Was ist eine Hesder-Thoraschule?
In den 52 Hesder-Thoraschulen absolvieren etwa 7600 Schüler ein fünfjähriges Studium. Die religiösen Thorastudenten dienen in diesem Zeitraum 16 Monate in der israelischen Armee. Diese Abmachung zwischen dem Staat Israel und der nationalreligiösen Bewegung wurde in den 50er Jahren getroffen, das hebräische Wort Hesder bedeutet soviel wie Abmachung. Diese Thora-Colleges werden zum Großteil vom Staat Israel finanziell gefördert. Sie stellen den geistlichen Grund pfeiler der nationalreligiösen Bevölkerung im Land dar, die den Staat Israel als biblische Verheißung Gottes betrachtet und deswegen im biblischen Kernland Judäa und Samaria siedeln.
 
Jährlich dienen etwa 1300 nationalreligiöse Thoraschüler in der Armee. Sie zählen zu den besten Soldaten. Sobald eine Hesder-Thoraschule, wie die von Rabbi Melamed, zur Befehlsverweigerung aufruft, löst sich der Staat Israel von dieser Thoraschule. In diesem Fall müssen die Thora schüler einen dreijährigen Wehrdienst absolvieren oder einer anderen Thoraschule beitreten.

„Meine Herren, die Feier ist vorbei“, schrieb der Kommentator Alex Fischmann aus dem säkularen Umfeld in seiner Kritik gegen das Verhalten der nationalreligiösen Rabbiner. „Ihr könnt nicht alles haben: Thora lernen, weniger als die Hälfte der Wehrpflicht ableisten, dennoch alle Rechte entlassener Soldaten wie nach dreijähriger Armeezeit genießen, das Prestige, in der Armee gedient zu haben, das nationale Ansehen im Volk, als Patrioten zu gelten, staatliche Gelder für eure Thoraschulen bekommen und uns letztendlich ins Gesicht spucken.“

Laut einer Umfrage (Ynet) befürworten 49 % der israelischen Bevölkerung Baraks Entscheidung. Israels Rabbiner müssen sich dem israelischen Militär unterordnen und sich gegen jede Befehlsverweigerung stellen. Aus derselben Umfrage geht hervor, dass sich 73 % der säkularen und 69 % der traditionellen Juden der Staatsmacht unterstellen. Dagegen gehorchen 64 % der orthodoxen Juden zuerst den Rabbinern und dann dem Staat. Aber nicht immer ist das, was der Rabbi bestimmt, in Gottes Augen biblisch korrekt.

Was rechtfertigt Verweigerung: Gott oder das Gewissen?
„Die orthodoxen Juden haben bei solch einer Wahl zwischen Gott und dem Staat oft keine Wahl“, meint der Historiker Zwi Sadan, ein messianischer Jude. „Die Siedler bewegung möchte nicht unbedingt im Feld der orthodoxen Juden stehen und fühlt sich ebenso dem Staat und der Landesverteidigung verbunden. Doch sobald Staatspflichten mit einem Thoragesetz kollidieren, stehen diese Juden vor einem Dilemma.“ Dies ist Sadan zufolge nicht fair, denn so wie die Thoragesetze religiöse Juden ins Dilemma drängen, so ist dies bei linksliberalen Juden das Gewissen.

Israelische Soldaten, die aus humanitären Gründen in verschiedenen Kriegen und Operationen Militärbefehle verweigerten, machten deswegen keine Schlagzeilen in den Medien. Im Januar 2002 unterschrieben 51 israelische Soldaten den sogenannten „Kämpferbrief “, dem zufolge sie sich weigerten, in den besetzten Gebieten zu dienen. Seitdem unterzeichneten aufgrund ihres Gewissen 650 linksliberale Israelis den Verweigerungsbrief. Dasselbe taten im September 2003 27 israelische Kampfpiloten. Kein Spektakel. Warum macht Befehlsverweigerung um Gottes willen Schlagzeilen, und eine Befehlsverweigerung um des individuellen Gewissens willen nicht?

Sobald Israels Regierung eine antibiblische Entscheidung trifft, wie vor vier Jahren die Evakuierung der jüdischen Siedler aus dem Gazastreifen, beschwören Religiöse einen geistlichen Konflikt herauf. „Wir hätten lauter schreien müssen; Her zu mir, wer Gott angehört!“, meinte Rabbi Ynon Ilani von der Thoraschule Hen Midbar in Arad im orthodoxen Rundfunk Kol Chai. „Wir dürfen die staatliche Vollmacht nicht den Regierungen überlassen, die sich der Thora nicht anpassen! Wir müssen allein dem Allmächtigen gehorchen.“

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