Selbstmord oder Selbstaufopferung?

Montag, 16. Juli 2012 |  Aviel Schneider  

Bei den sozialen Protesten in Tel Aviv am Samstagabend hat sich ein Israeli aus Haifa selbst angezündet. Bevor er eine brennbare Flüssigkeit über sich goss und sich selbst in Brand setzte, las der 57-jährige Moshe Silman ein selbstverfasstes Manifest vor und verteilte dies unter den Demonstranten. Beistehende riefen sofort einen Krankenwagen und versuchten, ihn mit Wasser, das sie bei sich hatten, zu löschen. Die Ärzte kämpfen noch immer um sein Leben, denn über 80 Prozent seiner Haut sind verbrannt, so berichtete Ynet am Montag.

In seinem Brief wirft er Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Finanzminister Juval Steinitz vor, die israelischen Bürger zu demütigen und die Reichen, auf Kosten der Armen, reicher zu machen. Er schrieb: „Ich kann mir keine Medikamente und Miete leisten, ich habe Millionen an Steuern gezahlt und in der Armee gedient und deswegen protestiere ich gegen all die Grausamkeiten, die der Staat Menschen wie mir antut.“

Bekannte von Moshe Silman gaben an, er sei obdachlos und wolle unter keinen Umständen in dieser Situation bleiben. Da er vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitt, kann er nicht mehr arbeiten. Der Staat verwehrte ihm jedoch jegliche Hilfe und Silman habe schon im Vorfeld eine drastische Maßnahme bei den Protesten angekündigt, so Freunde. Silman führte eine Transportfirma in Tel Aviv, die jedoch wegen minimaler Schulden von 1000 Euro bankrott ging.

Der Akt der Selbstverbrennung in gesellschaftlichen Protesten ist ein sehr extremes Protestsignal. Als sich der Arbeitslose Mohammed Boazizi aus Tunesien vor zwei Jahren selbst anzündete, war man in Israel überzeugt, dass solch ein Akt im Land unmöglich sei. Selbstverbrennungen kennt man bei tibetischen Mönchen, als Protest gegen die chinesische Besatzung oder auch Demonstranten in Südvietnam (1963) steckten sich selbst an. Israel ist ein westlicher und moderner Staat und so etwas passiert nur in armen Dritte-Welt-Ländern, nicht aber in Israel.

Nun fragt man sich, wie die israelische Regierung auf den Selbstverbrennungsakt reagieren wird. Religiöse Quellen betonten, dass Moshe sich für den gesellschaftlichen Zweck des jüdischen Volkes opferte. Seit dem letzten Jahr haben die Gesellschaftsproteste im Land nichts eingebracht. Ob es dieses Mal zu einer drastischen Wende der Regierung führen wird, wird bezweifelt. Das Volk in Zion wird allmählich ungeduldig, denn die Regierung unternimmt nur wenig.

Am Sonntag fanden sich über 2000 Menschen in Tel Aviv zusammen, um für Moshe Silman zu demonstrieren. Auch in Haifa, Jerusalem und Beersheva wurden Proteste abgehalten. Zahlreiche Protestierende können seine drastische Tat nachvollziehen und fühlen sich mit ihm verbunden.

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