ANALYSE: Wie Bibi gewann und Benny verlor

Donnerstag, 11. April 2019 |  Yochanan Visser

Es ist wieder passiert.

Wie 1996, als die Umfragen prognostizierten, dass Shimon Peres Benjamin Netanjahu in den Wahlen besiegen würde, wachte Israel am Tag nah den Wahlen auf und stellte fest, dass der Likud-Politiker das Rennen um das Amt des israelischen Premierminister gewonnen hatte. Das gleiche geschah am Mittwochmorgen.

Nicht Blau Weiß von Yair Lapid und Benny Gantz, sondern der Likud erhielt bei den Wahlen zur 21. Knesset die Stimmenmehrheit.

Die hebräische Bibel verwendet dasselbe Wort für Umfragen und für Lügen, wie es mein Kollege David Lazarus am Montag schrieb.

Lazarus zitierte Professor Avshalom Kor, einen Sprachwissenschaftler und Experten für hebräische Grammatik und Semantik, der erklärte, dass das Wort für Lüge auf Hebräisch Scheker sei, das mit dem Buchstaben Schin geschrieben wird.

Das Wort für „Umfrage“ wird mit einem Samech geschrieben, und Kor erklärte, dass "ein Schin oder ein Sin und das Samech in vielen hebräischen Wörtern sowohl in biblischen als auch in talmudischen Schriften austauschbar sind."

Der renommierte Linguist kam zu dem Schluss, dass beide Wörter von derselben Wurzel kommen.

Es gibt sicherlich ein großes Problem mit den Umfragen, die in israelischen Wahlkampagnen verwendet werden.

Das gleiche passierte im Jahr 2015, als die Umfragen den Sieg der inzwischen aufgelösten „Zionistischen Union „vorhersagten, nur um später herauszufinden, dass Netanjahu es erneut geschafft und auch diese Wahl gewonnen hatte.

Die Tatsache, dass Umfragen in Israel in praktisch jedem Wahlkampf von großer Bedeutung sind, könnte auf den Umgang der Israelis mit ihnen zurückzuführen sein. In jüngsten Interviews mit israelischen Wählern hat eine beträchtliche Anzahl von ihnen zugegeben, dass sie bei ihrer Teilnahme an einer Umfrage oft nicht ehrlich sind in Bezug auf ihre Lieblingspartei oder von ihnen bevorzugten Politikern.

Ein weiterer Grund für die unzuverlässigen Umfragen und dem überraschenden Sieg von Netanjahu ist, dass die Veröffentlichung von Umfragen in den letzten Tagen vor den Wahlen verboten ist.

Und hier liegt das Problem. Netanjahu ist ein Experte für kurzfristige Kampagnen und weiß, wie er die Mainstream-Medien umgehen kann, die ihm in der Mehrheit feindselig gegenüberstehen.

Genau wie im Jahr 2015 nutzte der israelische Premierminister die sozialen Netzwerke, um seine sechs Millionen „Follower“ zu erreichen, und es funktionierte wieder.

Über Videos, die den ganzen Tag auf seinen sozialen Netzwerk-Konten gepostet wurden, sagte Netanjahu den Israelis, dass sie zu den Wahllokalen gehen sollen. Und er besuchte Strände, wo Familien den freien Tag genossen, noch vor ihrem Gang zu den Wahlurnen, um ihnen dieselbe Botschaft zu übermitteln.

Die Israelis hätten die Wahl zwischen „Bibi und Tibi“, einem Verweis auf Ahmed Tibi, den umstrittenen arabischen israelischen Knessetabgeordneten, der sich selbst als Palästinenser sieht und als Mitglied einer von Gantz geführten Regierung hätte enden können, sagte Netanjahu.

Der blau-weiße Parteiführer Benny Gantz hingegen hat während des gesamten Wahlkampfs strategische Fehler begangen und einen dummen Fehler begangen, als er nach Hause ging, um bei seiner Familie zu sein, nachdem er am Wahltag seine Stimme abgegeben hatte.

Der größte Fehler von Gantz war, dass er anfing, Netanjahu unter dem Gürtel anzugreifen, in dem Moment, als sich seine „Stärke für Israel - Partei“ mit Yair Lapids „Jesh Atid „zusammenschloss.

Während einer Rede für Blau Weiß-Anhänger im Februar beschrieb Gantz Netanjahu als einen in den USA ausgebildeten Betrüger, der seine Zeit damit verbrachte, fehlerfreies Englisch zu lernen und Cocktailpartys in den USA zu besuchen, während er, Gantz, in der israelischen Armee sein Leben in Gefahr setzte.

Likud und Netanjahu gaben problemlos Kontra auf diese empörenden Behauptung, indem sie der israelischen Öffentlichkeit mitteilten, dass Netanjahu damit beschäftigt war, Geiseln von palästinensischen Terroristen in einem Sabena-Flugzeug zu befreien, während Gantz die Bar Mitzvah seines Sohnes vorbereitete.

Der Premierminister äußerte sich später über die Bemerkungen von Gantz und verwies auf die Tatsache, dass er in der israelischen Elite-Einheit „Sayeret Matkal“ diente und mehrfach verletzt worden war.

Letzte Woche machte Gantz einen weiteren Fehler, als er es wagte, Netanjahu mit dem türkischen Diktator Recep Tayyip Erdogan zu vergleichen, der einer der unbeliebtesten ausländischen Staatschefs für die Israelis ist.

Als Gantz gefragt wurde, ob er wirklich glaubte, dass Netanjahu Israel in eine zweite Türkei verwandeln würde, bestand Gantz darauf, dass dies tatsächlich der Fall sei, und behauptete, "sehr besorgt" darüber zu sein.

Die israelische Öffentlichkeit ist sich jedoch sehr wohl darüber bewusst, dass dies nicht der Fall ist, weil sie weiß, dass Erdogan ein skrupelloser islamistischer Diktator ist, der die kurdische Minderheit in der Türkei unterdrückt, Journalisten und Akademiker ins Gefängnis steckt und gleichzeitig gegen Gegner nicht nur in der Türkei, sondern auch im Ausland vorgeht.

Durch eine derartig schmutzige Kampagne gegen Netanjahu zerstörte Gantz sein Image als „Mr. Clean“ (sauberer Mann) und als Gentleman mit staatsmännischen Eigenschaften.

Ein weiterer Grund, warum die Partei von Gantz die Wahlen verloren hat, ist der, dass der ehemalige Generalstabschef mit Yair Lapid ein Rotationsabkommen für das Amt des Ministerpräsidenten geschlossen hatte.

Die Israelis, einschließlich der Linken, sind der Meinung, dass Lapid aufgrund seiner mangelnden Erfahrung in militärischen und sicherheitsbezogenen Angelegenheiten die Qualitäten fehlen, um Ministerpräsident zu werden, er ist ein TV-Sprecher mit einer verschwommenen Vision in wichtigen Fragen.

Aus diesem Grund warnte Netanjahu die Israelis ständig, dass die Wahl von Blau und Weiß bedeuten würde, Lapid als Ministerpräsidenten zu bekommen.

Experten sind der Ansicht, dass der Rotationsvertrag zwischen Gantz und Lapid „Blau Weiß“ mindestens vier Mandate gekostet hat.

Hinzu kommt die Tatsache, dass Netanjahu im letzten Teil des Wahlkampfs beeindruckende politische Erfolge erzielt hatte.

Zunächst erreichte er die amerikanische Anerkennung der israelischen Souveränität über die Golanhöhen, was für Israel von großer Bedeutung sein kann im Kampf gegen den Iran in Syrien.

Dann gab es den kürzlichen Besuch des Ministerpräsidenten in Moskau,bei dem er die Krise in Folge des Abschusses eines russischen Aufklärungsflugzeugs IL-20 durch die syrische Armee beendete, die letzten September während eines Gesprächs mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausbrach.

Die Versöhnung zwischen Russland und Israel führte auch zur Freilassung der Überreste des israelischen vermissten Soldaten Zachariah Baumel, dessen Leiche im Flüchtlingslager Yarmouk in der Nähe von Damaskus mit Hilfe russischer Soldaten ausgegraben wurde.

Baumel galt seit dem Zweiten Libanonkrieg 1982 als verschwunden und konnte am vergangenen Donnerstag auf dem Herzl Berg in Jerusalem bestattet werden.

All dies trug dazu bei, was Netanjahu am Dienstagabend als einen "enormen Sieg" bezeichnete.

Der Likud-Politiker wird jetzt Israels am längsten amtierender Ministerpräsident werden und voraussichtlich eine rechte Regierung mit einer 65-Mandatsmehrheit bilden.

Bild: Netanjahu feiert seinen Sieg gestern (Foto: Yonatan Sindel/Flash90)

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