Der manchmal gefährliche Einfluß des Internets auf die öffentliche Meinung

Donnerstag, 10. Januar 2019 |  Dov Eilon

Das Internet und die sozialen Netzwerke sind für viele, vielleicht sogar für die meisten von uns, ein Teil unseres Alltags geworden. Ist ja auch enorm praktisch. Es ist so, als habe man mit dem Smartphone die ganze Welt, das gesamte Wissen der Menschheit in der Hand. Wir sind immer informiert und überall erreichbar. Viele Menschen informieren sich heutzutage fast ausschließlich über das Internet und den sozialen Netzwerken. Es ist ja auch so einfach. Wenn wir etwas wissen wollen, wird kurz „gegoogled“, dann wissen wir Bescheid.

Aber kann es sein, dass wir uns zu sehr und zu schnell auf das Internet, die Netzwerke verlassen? Ist wirklich immer alles genau so, wie es von irgendjemandem im Internet geschrieben und dann von vielen anderen verbreitet wurde? Mittlerweile verlassen sich auch viele Nachrichtenportals auf Berichte in den Netzwerken wie Facebook oder Twitter.

Dass man sich nicht blind auf das verlassen kann, was nach irgendeinem Post in Netz gemeldet wurde, zeigt die Geschichte der Dozentin und ihrer Studentin, die in der letzten Woche in ihrer Uniform in der Klasse erschienen war und deswegen von ihrer Dozentin beschimpft worden sein soll. Auch wir berichteten darüber, genau so schnell, wie alle anderen israelischen Nachrichtenportale und Zeitungen (Artikel).

Wir alle haben uns mitreißen lassen von dieser unmöglichen Geschichte. Wie kann sich eine Dozentin über ihre Studentin aufregen, die auch in der Armee dient, weil sie in Uniform in der Klasse erschienen ist? Auch ich war sehr verärgert darüber. Es gab sogar ein Video, das zeigte, wie die Dozentin sich sichtlich erregt mit ihrer Studentin “stritt”. In allen Medien, auch in meinem Artikel, wurde die Dozentin, die auch noch aus Deutschland stammt, verurteilt. Wir waren entrüstet. Ich berichtete über die rechte Organisation “Im Tirtzu”, die forderte, die Dozentin auf der Stelle zu entlassen. Auch wurde ihre Email-Adresse veröffentlicht, damit man sich persönlich bei ihr beschweren konnte. Die Universität und auch Bildungsminister Bennet wurden aufgefordert, sie auf der Stelle zu entlassen. Noch am selben Tag veröffentlichte die Universität eine Entschuldigung, auch im Namen der Dozentin. Dennoch kam es auf dem Campus in den darauffolgenden Tagen zu Demonstrationen gegen die Dozentin, die sich seit dem Vorfall nicht mehr traut, die Universität zu betreten. Es ist ein regelrechter “Shitstorm” gegen sie ausgebrochen.

Die Universität beeilte sich, in allen Tageszeitungen zusammen mit der Studentenvereinigung eine Erklärung zu veröffentlichen, in der sie Soldaten in Uniform willkommen heißt. Man unterstütze das Recht der Studenten, die in der Armee dienen, zu den Vorlesungen so gekleidet zu erscheinen, wie sie es wünschten. Auch sei man stolz auf das Personal der Universität, die in der Reserve der Armee dienen, Eltern von Soldaten seien oder deren Ehepartner in der Armee diene, heißt es unter anderem in der Erklärung, die mit folgendem Satz beendet wird: “Die Universität bedauert den außerordentlichen Vorfall und entschuldigt sich bei jedem, der dadurch verletzt wurde.”

"Studenten in Uniform? Herzlich willkommen!" - Die Annonce der Universität

Die Dozentin, die sich nicht mehr aus dem Haus traut, wird nicht in einem einzigen Satz erwähnt.

Später wurden Einzelheiten bekannt, die ein etwas anderes Licht auf diese Geschichte wirft. So soll es nicht das erste Mal gewesen sein, dass die Studentin in Uniform zur Vorlesung erschien. Und auch an diesem speziellen Tag wurde sie im Unterricht von der Dozentin nicht kritisiert, dass sie in Uniform erschienen war. Die Medien und auch ich berichteten in der letzten Woche, dass die Soldatin während des Unterrichts von einer arabischen Studentin belästigt worden sei. Doch nun stellte sich heraus, dass der Austausch zwischen der arabischen Studentin und der Soldatin erst nach dem Unterricht stattfand, was der Dozentin nicht bewusst gewesen sein soll, als die Soldatin sich bei ihr beschwerte. Die Dozentin soll versucht haben, der Soldatin zu erklären, dass es in bestimmten Situationen dazu kommen könnte, dass sie kritisiert werden könnte, wenn sie in Uniform ist und damit eine Vertreterin der Armee sei. Einem Bericht der Zeitung Haaretz zufolge ist es der Soldatin niemals untersagt worden, in Uniform zum Unterricht zu erscheinen. Und ja, ich kenne die Zeitung Haaretz und bin nicht immer mit ihr einer Meinung.

Trotz allem glaube ich, dass wir alle zu voreilig waren, als wir uns gegen die Dozentin aussprachen und uns der Masse anschlossen, um ihre Entlassung zu fordern. Es darf nicht sein, dass sie sich jetzt bedroht fühlt und nicht traut, die Universität zu betreten.

Viele Dozenten sollen nun sehr unsicher geworden sein, was im Unterricht und auch in persönlichen Gesprächen gesagt werden darf und was nicht. Jeder Mensch darf seine eigene Meinung haben, solange er auch die Meinung des Andersdenkenden respektiert. Vielleicht hätte sich die Universität trotz allem auf die Seite der Dozentin stellen müssen, um sie zu schützen, auch wenn uns einige ihrer Worte, die wir im Video hörten, vielleicht nicht gefallen haben und wir mit ihren politischen Ansichten nicht einverstanden sein sollten.

Ich werde beim nächsten Mal etwas länger warten, bis ich über ein so empfindliches Thema berichte. Denn das Internet hat einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung, wir sollten vorsichtig damit umgehen.

Bild: Demonstration gegen die Dozentin auf dem Campus der hebräischen Universität (Foto: Hadas Parush/Flash90)

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