ANALYSE: Kontroverse über die gemeinsame Erklärung von Israel und Polen

Montag, 9. Juli 2018 |  Tsvi Sadan

Die polnische Regierung hatte beschlossen, eine gemeinsame Erklärung der Ministerpräsidenten Polens und Israels über die Rolle Polens im Holocaust ins Hebräische zu übersetzen und sie als Werbung in israelischen Zeitungen zu veröffentlichen, was unter israelischen Historikern und Politikern zu heftigen Kontroversen führte.

Diese Affäre begann mit der Konferenz "Polnische Liga gegen Diffamierung - Unterstütze Polen!" Die Konferenz forderte Polen auf der ganzen Welt dazu auf, den guten Ruf Polens zu verteidigen, insbesondere indem sie den Begriff "polnischer Todeslager" ablehnten. Dieser Aufruf wurde von Mateusz Morawiecki ernst genommen, der nur einen Monat später polnischer Premierminister wurde. Dann sagte der damalige stellvertretende Ministerpräsident Morawiecki, dass "Polen rechtliche Schritte gegen all jene mächtigen ausländischen Medienorganisationen unternehmen sollte, die es immer noch wagen", darauf zu bestehen, dass es polnische Todeslager gab. Als Ministerpräsident konnte Morawiecki am 1. Februar eine Gesetzesvorlage verabschieden, die diejenigen, die Polen beschuldigen, an den Gräueltaten der Nazis mitverantwortlich gewesen zu sein, für bis zu drei Jahre ins Gefängnis werfen könnte.

Nachdem Morawiecki am 17. Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Gesetzentwurf verteidigt hatte, antwortete Ministerpräsident Netanjahu: "Es gibt hier ein Problem der Unfähigkeit, die Geschichte und die Sensibilität für die Tragödie unseres Volkes zu verstehen. Ich beabsichtige, sofort mit ihm zu sprechen." Diese Diskussion führte dazu, dass die gemeinsame Erklärung jetzt so viel Lärm verursachte, weil Netanjahu angeblich eine polnische Revision der Geschichte unterstützte.

Historiker des Jerusalemer Yad Vashem Holocaust Memorial Museum bedankten sich bei Netanjahu für den Ausschluss jeglicher Einschränkungen der freien Forschung, stellten jedoch fest, dass "die gemeinsame Erklärung sehr problematische Formulierungen enthält, die dem bestehenden und anerkannten historischen Wissen auf diesem Gebiet widersprechen". Es ist unwahr, wie die Äußerung uns glauben machen will, dass "die polnische Exil-Regierung während des Krieges versucht hat, diese Nazi-Aktivitäten aufzuhalten, indem sie versuchte, die westlichen Verbündeten auf den systematischen Mord an den polnischen Juden aufmerksam zu machen." Die Wahrheit, sagte Yad Vashem Historiker, ist, dass "ein großer Teil des polnischen Widerstands in seinen verschiedenen Bewegungen nicht nur versagt hat, den Juden zu helfen, sondern auch nicht selten aktiv an deren Verfolgung beteiligt war."

Die Historical Society of Israel erklärte den Historikern von Yad Vashem ihre volle Unterstützung in Bezug auf diese Angelegenheit: "Wir sind alle einstimmig darin, dass die gemeinsame Erklärung der Premierminister ernsthafte Verzerrungen bekannter historischer Fakten enthält ... ebenso wollen wir unseren starken Protest gegen die Intervention der Politiker in dem historischen Diskurs. " Als Antwort darauf betonte Netanjahu, dass es Hauptziel gewesen sei, das kriminelle Element aus dem neuen polnischen Gesetz zu entfernen, was er getan hätte, und dass man die Kritik der Historiker an den Details zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigen könne.

Aber nicht nur Historiker griffen Netanjahu an. Yair Lapid, Chef der Yesh-Atid-Partei, nannte die gemeinsame Erklärung einen "schlechten Scherz" und verlangte, dass das neue polnische Gesetz vollständig aufgehoben werden müsse. Bildungsminister Naftali Bennett, Vorsitzender des Jüdischen Hauses, sagte: „Die Erklärung ist eine Schande voller Lügen".

Als Antwort auf die Angriffe auf die gemeinsame Erklärung sagte Dina Porat, die Chefhistorikerin von Yad Vashem und diejenige, die Netanyahus Verhandlungsteam beriet, dass die Aussage vernünftig sei. Sie wandte sich ferner an Kritiker wie den bekannten Historiker Yehuda Bauer, der die israelische Beteiligung an der Erklärung als einen Akt des Verrats bezeichnete, um andere Wörter zu finden, ihre Meinungsverschiedenheit zu äußern. Porat sagte, dass sie nach der harschen Kritik erwog, von Yad Vashem zurückzutreten, aber dass der Präsident der Institution es nicht akzeptieren würde, was bedeutet, dass im Gegensatz zu den Bedenken von Yad Vashem Historikern die Institution selbst die Position von Porat als legitim ansieht, wonach die gemeinsame Erklärung angemessem sei.

Man wird abwarten müssen, um zu sehen, wohin dieser Aufruhr führt und ob Netanjahu dadurch Stimmen bei den kommenden Wahlen verlieren wird oder nicht. Eine Sache ist jedoch sicher, der Holocaust ist immer noch ein brisantes Thema und diejenigen, die verführt werden, der Revision der Geschichte aus Gründen der politischen Zweckdienlichkeit ihren Namen zu geben, riskieren ernsthaft ihren Ruf.

Bild: Jüdische Jugendliche aus aller Welt nehmen am Marsch des Lebens am Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen teil. (Foto: Yossi Zeliger/Flash90)

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