Polen und die Wahrheit

Sonntag, 28. Januar 2018 |  Dov Eilon

Ein Gesetz, das vom polnischen Parlament verabschiedet wurde, untersagt, Polen in Zusammenhang mit dem Holocaust zu erwähnen. Wer die Konzentrationslager „polnische Lager“ nennt, kann zu einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden. In Israel wurde das neue Gesetz, das ausgerechnet am internationalen Gedenktag an den Holocaust verabschiedet wurde, auf des schärfste verurteilt. Die Geschichte könne nicht neu geschrieben werden, sagte Ministerpräsident Netanjahu. Der stellvertretende polnische Botschafter wurde zu einem Aufklärungsgespräch geladen.

In Israel berichten heute alle Medien von dem neuen polnischen Gesetz, das verbietet, Polen für den Holocaust verantwortlich zu machen. Das Gesetz gilt auch für Ausländer. Der Zeitpunkt der Verabschiedung sei erbärmlich, heißt es in einer Erklärung des israelischen Außenministeriums. Allerdings, so weiter in der Erklärung, sei das Gesetz inhaltlich nicht unbedingt falsch. Die Konzentrationslager seien keine polnischen Lager gewesen, sondern deutsche. Der Holocaust würde nicht verleugnet werden, auch würde nicht gesagt werden, dass es keine Polen gab, die Juden ermordeten und dass es verboten sei, diese Polen zu verurteilen. Das Gesetz sage, dass die Deutschen für den Holocaust verantwortlich seien, nicht die Polen. Dennoch sei es geschmacklos, ausgerechnet am Gedenktag ein solches Gesetz zu verabschieden.

Nicht nur Ministerpräsident Netanjahu kritisierte das neue Gesetz. Auch Staatspräsident Reuven Rivlin sagte, dass man die Geschichte nicht verfälschen könne. die Wahrheit könne nicht verschwiegen werden. Auch unter den Polen habe es Menschen gegeben, die die den Nazis bei ihren Verbrechen geholfen hätten.

Die israelische Tageszeitung Jediot Achronot veröffentlichte in ihrer heutigen Ausgabe Zeugenberichte von Holocaust-Überlebenden über die Verbrechen polnische Bürger gegenüber den Juden. So sagte ein 92-jähriger Überlebender, dass die Polen versuchen können, die Geschichte neu zu schreiben, er würde sich an alles erinnern. Die Zeitung forderte ihre Leser dazu auf uter dem Hasghtag #PolandTruth („Die Wahrheit aus Polen“) Berichte von Zeitzeugen, von Überlebenden des Holocaust über ihre Erlebnisse in Polen auf ihrer Facebookseite zu veröffentlichen.

Der Vorsitzende der Partei „Jesh Atid“, Yair Lapid, selbst Sohn eines Holocaust-Überlebenden, dem ehemaligen Journalisten, Knesset-Abgeordneten und Justizminister Josef „Tommy“ Lapid, kritisierte das polnische Gesetz in einem Post auf seinem Twitterkonto.

Yair Lapid: „Ich verurteile auf das schärfste das neue polnische Gesetz das versucht, die Beteiligung zahlreicher polnischer Bürger am Holocaust zu verleugnen. Polen war am Holocaust beteiligt. Hunderttausende Juden wurden auf seiner Erde ermordet, ohne auch nur einen deutschen Offizier getroffen zu haben. Es gab polnische Todeslager und kein Gesetz kann dies jemals ändern.“

Die polnische Botschaft in Israel war nicht begeistert von diesen Worten Lapids und reagierte. Es entwickelte sich ein regelrechter Schlagabtausch zwischen beiden Seiten.

Polnische Botschaft: „Ihre grundlosen Äußerungen zeigen, wie nötig das Lernen über den Holocaust nötif ist, sogar hier in Israel“.

Lapid: Ich bin der Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Meine Großmutter wurde in Polen von Deutschen und Polen ermordet. Ich brauche von ihnen keine Holocaust-Studien. Wir leben seine Folgen jeden Tag in unserer kollektiven Erinnerung. Ihre Botschaft sollte sich umgehend entschuldigen.“

Die polnische Botschaft antwortete auch darauf:

“Was hat das mit der Tatsache zu tun, dass die Todeslager des Zweiten Weltkrieges nazideutsch und nicht polnisch waren? Das ist Schamlos.“

Polen war vor dem Krieg das Zentrum des jüdischen Lebens in Europa. Dort ist das orthodoxe Judentum entstanden, die großen und berühmten jüdischen Religionsschulen (Jeshiva) haben sich dort befunden, dort hat der größte Teil des Judentums gelebt, dort entstand die moderne jüdische Literatur.

Auch wenn Polen für den Holocaust vielleicht nicht für verantwortlich erklärt werden kann und es sich bei den Konzentrationslagern um deutsche Lager gehandelt hatte, dieses neue Gesetz ist problematisch. Es macht den Eindruck, als würde Polen sich aus ihrer Verantwortung ziehen, sich nur als Opfer darstellen wollen. Es hat in Polen einen sehr starken Antisemitismus gegeben und leider gibt es ihn auch heute wieder. Es gibt genug Berichte von Überlebenden über die Beteiligung polnischer Bürger an den Verbrechen gegen die Juden. Die Vergangenheit darf nicht verschwiegen werden. Natürlich gab es auch viele Polen, die Juden geholfen haben, sie bei sich versteckt hatten und ihnen bei ihrer Flucht halfen. Der größte Teil der von Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrten nichtjüdischen Menschen stammen aus Polen. Beides, sowohl die Verbrechen gegen die Juden als auch die Heldentaten zur Rettung von Juden, die in Polen stattgefunden haben, darf nicht vergessen werden.

Archivbild: Das Konzentrationslager in Auschwitz, Polen (Foto: Isaac Harari/Flash90)

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